Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1901-11-01 · 11 (11.1901) · p. Seite 23

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
13 (1901)
Issue
11 (11.1901)
Date
1901-11-01
Page
Seite 23 (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9756662-9602173-9602374--0226-9602397
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 23 — Mädchen dem Christenthum zugeführt werden sollte. Infolge entschiedener Einsprache seitens der Eltern haben die Behörden den Aufenthaltsort des Mädchens ausfindig gemacht. Das Mädchen war in einem ruthenischen Kloster in Przemysl untergebracht; nunmehr ist das Mädchenden Eltern wieder zurückgegeben worden. * In Niederösterreich hat sich ein Fall ereignet, der lebhaft an den Fall A rat en erinnert. Nur handelt es sich hier nicht um eir^ jüdisches Mädchen, sondern um einen christlichen Knaben. Der Arbeiter Eduard Mai er in Zell a. d. Ybbs stand anfangs des Jahres 1901 in Düsseldorf am Rhein in Arbeit, seine Frau und seine beiden Adoptivsöhne, der vierzehnjährige Stefan und der zwölfjährige Peter, waren in Zell zurückgeblieben. Stefan, ein begabter Schüler, wurde der Liebling der Lehrerin Friederike Büchel, die auf den Knaben solchen Einfluss nahm, dass er schliesslich wochenlang bei ihr in der Wohnung.häusliche Vorrichtungen ausführte. Die Lehrerin soll dem Jungen wiederholt zugeredet haben, dass er seine Eltern bewege, ihm die Einwilligung zum Studium in einem clericalen Collegium zu geben. Der Vater des Knaben verbot ihm deshalb den Verkehr mit der Lehrerin, welche nun anfieng, mit Stefan zu correspondieren. Am 28. April 1901 verschwand Stefan plötzlich aus der Wohnung d er Mutter; er sagte, er gehe in den Segen., Zur selben Zeit hatte die Lehrerin Büchel mit dem Knaben Peter eine Zusammenkunft in der Umgebung von Zell. Seit dieser Zeit ist Stefan Mai er unauffindbar. An dem Tage, an welchem er verschwand, wurde er in Begleitung eines Herrn auf dem Wege zum Bahnhof gesehen. Die Frau schrieb das Verschwinden ihres Knaben an ihren Mann, welcher sofort herbeieilte und der Gendarmerie die Anzeige erstattete, mit dem Bemerken, dass der dringende Verdacht der Entführung vorliege. Bei der Bezirkshauptmannschaft wurde die Lehrerin Büchel, aufweiche der Verdacht der Antheilnahme an der Entführung des Knaben fiel, einvernommen, doch wurde der Staatsanwaltschaft keine Anzeige erstattet. Nun hat der Vater des entführten Knaben selbst die Anzeige durch den Advocaten Dr. Karl Ornstein an die St. Pöltener Staatsanwaltschaft erstattet, und die Untersuchung ist im Zuge. Stefan Maier dürfte mit Hilfe der Lehrerin Büchel i n ein clericales Collegium gesteckt worden sein. Ein St. Pöltener christlich-sociales Blatt hat versucht, den Fall als Ritualmord hinzustellen, während hier gerade ein typischer zweiter Fall Araten vorliegt. Denn der Khabe hat nie mit Israeliten verkehrt, sondern einzig und allein mit der clericalen Lehrerin Büchel. In der Entführungs-Angelegenheit haben sich die Abgeordneten Schuhmeier und Seitz zum Ministerpräsidenten begeben und von demselben ein energisches Eingreifen zur Eruierung des Knaben gefordert. Der Ministerpräsident erklärte, er werde, was in seiner Kraft liegt, veranlassen. Die socialdemokratischen Abgeordneten haben am 17. October auch eine diesbezügliche Interpellation an den Justizminister gerichtet. . Antisemitische Lügen. Vor einigen Wochen wurde der Karlsbader Curgast Aaron Friedmann aus Warschau von der Antisemitenpresse eines Sittlichkeitsverbrechens an einem kleinen Mädchen verdächtigt. Die gegen Fri edmann angestrengte Untersuchung wurde wegen Mangels jedes Thatbestandes eingestellt. Nachträglich behaupteten dieselben Hetzblätter, die „Alliance Israeiite" respective die „Israelitische Allianz4 hätte für Friedmann eine Caution von fl. 12.000 angeboten Am 10. October war rum das „Deutsche Volksblatt" gezwungen, folgende Berichtigung abzudrucken :

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.