Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 10 (10.1901)
- Date
- 1901-10-01
- Page
- Seite 22 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/9756662-9602173-9602349--0200-9602371- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 22 — tilgen wollen, jetzt ein Auserwählter dieses Volkes als unumschränkter Minister regierte. Allerdings dauerte diese Zeit nicht lange. Die Ordnungsliebe und Gerechtigkeit, die Saad-Addaulla an Stelle der früheren Willkür gesetzt hatte, gefiel den Grossen nicht, und als der Grosschan erkrankte, bemächtigten sich die Unzufriedenen des jüdischen Ministers und köpften ihn: dies war das Signal zu einem allgemeinen Judenmassaere, zu einem der fürchterlichsten, welche die bluttriefende Geschichte des Orients erwähnt. Doch hat dies nicht verhindert, dass auch später alle Fürsten des Morgenlandes den jüdischen Aerzten besonderes Wohlwollen entgegenbrachten und ihren jüdischen Leibärzten nicht bloss das Heil ihres Leibes, sondern mehr als einmal die Zügel der Regierung anvertrauten. Die osmanischen Sultane namentlich haben dies fast vom ersten bis zum letzten bewiesen. Wahrscheinlich hat es schon am türkischen Hofe zu Brussa jüdische Hofärzte gegeben. Namen nennt die osmanische Geschichte jedoch erst von jeifern Momente an, da der Halbmond über Byzanz aufgieng. Der Eroberer Constantinopels, Mohamed IL, bevorzugte die Gelehrten in hervorragendem Masse. Bei allen Festen waren neben dem Platze des Herrschers besondere Ehrenplätze für die vier ersten Gelehrten des Reiches, die man die vier Säulen des Thrones und der Wissenschaft nannte, bestimmt. Rechts vom Sultan sass sein Lehrer, links ein Beligionsgelehrter, vor dem Monarchen aber sassen der Richter der Hauptstadt und der Leibarzt. Um das Jahr 1457 fungierte als Leibmedicus Schukrullah aus Sehirwan, der die Gunst des Sultans nicht bloss als Arzt, sondern auch durch seine historischen Werke und seine Kenntnisse in der Auslegungs¬ und Ueberlieferungskunde erworben. Die Liste der berühmten Ulema oder Gesetzgelehrten, welche die von 1451 bis 1481 währende Regierungszeit des Eroberers durch ihr Wirken verherrlichten, weist ausser dem Schukrullah noch sechs Hofärzte aus: davon waren noch drei Perser, einer Araber, einer Türke und einer Jude. Einer der Perser, Kutbeddin, wurde als erster zum Reis oder Vorsteher der Aerzte ernannt; dieses.Amt existierte seit damals fast bis in die Mitte des XIX. Jahrhunderts. Dem Kutbeddin trug die Stellung die für die damaligen Geldverhältnisse bedeutende Summe von 2000 Aspern monatlich; die Geschichte behauptet von ihm, dass er dem Wohlleben mehr ergeben war als der Wissenschaft und dass er sein ganzes Einkommen mit Pagen und Sclavinnen durchbrachte. Der jüdische Leibarzt hiess Jacob. Hammer bezeichnet ihn, nach den Aussprüchen des osmanischen Geschichtsschreibers Aali, als den geschicktesten von allen Leibärzten Mohameds II. und meint, er würde den Herrscher auch in seiner letzten Krankheit gerettet haben, wenn nicht der Grossvezier Mohamed Karamani seinen Herrn beredet hätte, auch vom persischen Leibarzte Lari Arznei zu nehmen; so aber widerstritten die Aerzte im Zelte und die Arzneien im Leibe des Sultans, der darunter erlag . . . Hekim Jacob war beim Eroberer in grosser Gunst gewesen; als er endlich gar zum Islam übertrat, wurde er von den Steuerlasten befreit und schliesslich zum Finanzminister erhoben. Unter den 60 grossen Gelehrten der von 1481 bis 1512 andauernden Regierungszeit des zweiten Bajesid wird nur ein einziger, Hekim Schach,