Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 10 (10.1901)
- Date
- 1901-10-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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— 13 — „Es gehört mit zu den abergläubischen Neigungen des ungebildeten Volkes, dass es den Mysterien anderer Religionen mit geheimnisvollem Grauen gegenübersteht und in sie das hineinprojiciert, was in der eigenen Seele schlummert, aber sich nicht mehr ans Licht wagt. Wenn Gebildete diese Meinung schüren, um den Religions- und Rassenhass zu steigern, so übernehmen sie damit eine schwere Verantwortung. Wer solches zu politischen Zwecken mit dem Bewusstsein der Unwahrheit thäte, begienge einen Frevel; wer trotz seiner Bildung sich vom Hass bis zu fixen Ideen verblenden lässt, kann damit freilich einen Umstand für sich geltend machen, der aber für seine Verantwortlichkeit kaum „mildernd14 genannt werden dürfte." Eine alte Lüge. Im Juni 1896 verschwand die bei der Familie Frankfurter in Wien, Servitengasse, bedienstete Marie Voj taausDestna in Böhmen spurlos aus der Wohnung ihrer Dienstgeber. Jahrelang wurde nun in der antisemitischen Presse der Fall Vojta im Zusammenhange mit dem angeblichen Verschwinden von vier anderen Dienstmädchen aus Destna so dargestellt, als ob diese Mädchen Opfer jüdischer Mädchenhändler oder gar jüdischer Blutmörder seien. Infolge Einschreitens der „Oesterreichisch-Israelitischen Union'4 Hess der damalige Ministerpräsident Graf Thun im „Prager Abendblatt44 eine amtliche Darstellung veröffentlichen, die auf Erhebungen der Wiener Polizeidirection basierte und aus welcher hervorgieng, dass eines der Mädchen in Wien niemals gemeldet war, ein anderes wegen Diebstahls eine Strafe abbüsse, ein drittes im Spitale gestorben und ein viertes in seine Heimat gereist sei. Nur das Verschwinden der Marie Vojta blieb unaufgeklärt. Nun berichtet das zu Neuhaus in Böhmen erscheinende antisemitische Hetzblatt „Stitny44 in seiner Nummer von 30. August d. J. über die Aufstellung eines Denkmales für Marie Vojta in Destna und schliesst diesen Bericht mit folgenden Worten: „Gewiss wird diese „Gottesmarter44 lange von dem Andenken an das verschwundene Mädchen zeugen, welches in Wien in einer jüdischen Familie ihr Grab gefunden hat.44 Der Scriptor der k. u. k. Universitäts-Bibliothek Herr Doctor S. Frankfurter hat wegen dieses Schlussatzes anstelle seiner seither verstorbenen Mutter Frau Johanna Frankfurter gegen das genannte Blatt die Verleumdungsklage beim k. k. Kreisgeriche Budweis angestrengt. „Hilsner in Tulln." Wir berichteten im Septemberhefte, dass der Kaufmann Emil Hoffe r, der auf der Fahrt von Klosterneuburg nach Tulln von einer Frauensperson namens Anna Jaroschawa mit unsittlichen Anträgen behelligt wurde, auf Grund der Angaben des von ihm energisch zurückgewiesenen Mädchens in der „Zeitung für Stadt und Land" ver-