Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 9 (9.1901)
- Date
- 1901-09-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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12 Individuum in Kronstadt herum, welches Kinder kauft, welches viele Leute gesehen haben wollen, und welches trotz alledem niemand der Polizei näher bezeichnen kann; der Preis für ein Kind, sagt man, beträgt 5000 rl. Acht geben, Eltern, die Sache ist gar nicht spasshaft! Die Welt munkelt und munkelt über diesen Fall recht fatal; sie sagt . . . Ahasver gienge um." Diese Mittheilung, welche trotz ihres dummen Gehaltes geeignet ist. das Volk zu verhetzen, hat bereits ihre Wirkung nicht verfehlt, indem sie in dem rumänischen Vororte von Kronstadt Ausschreitungen veranlasste. Ueber die Ursache wird Folgendes berichtet: Ein Jude wollte eine Rumänin, welche in Kronstadt wohnt, bewegen, ihr Kind auf 1000 K versichern zu lassen. Dieselbe verstand ihn nicht recht und glaubte, er wolle ihr das Kind abkaufen. Sie erzählte deshalb von dieser Geschichte dem Geistlichen, der sich alsbald beeilte, von der Kanzel herab zu verkünden, die Eltern mögen ihre Kinder jetzt besonders in acht nehmen, da die J u den zur Einweihung des neuen Tempels das Blut von C h r i s t e nk indem b e n ö t h i g e n. So wurde in Kronstadt das Märchen vom Ritualmord, und zwar in einer ganz neuen Fassung, v o n der Kanzel herab gepredigt, Avas eine Gährung unter den Bewohnern der rumänischen Vorstadt zur Folge hatte. Als dortselbst am 12. d. ein Jude, namens Singer, Kinder nach einem Führer fragte, der ihn über das Gebirge nach Rumänien führen könnte, eilten sofort etliche Mütter herbei, um ihre ..gefährdeten" Kinder zu schützen. Auch einige rumänische Bauern waren zur Stelle und hätten den Juden gelyncht, wenn nicht ein Sicherheitswachmann und ein Doctor sich seiner angenommen hätten. Unterdessen hatte sich die aufgeregte Menge zu Hunderten vergrössert und begleitete nun den Mann unter Johlen und Schreien bis zur Stadthauptmannschaft. Vorläufig ist es zu weiteren Ausschreitungen nicht gekommen und man muss abwarten, ob die Kionstädter Behörden etwas thun, um ein Weitergreifen dieser sinnlosen Hetze zu verhindern. Wie das „Siebenbürgisch-deutsche Tagblatt" berichtet, hat sich der von der rumänischen Bevölkerung Kronstadts des ,,Ritualmordes" verdächtigte Jude Singer als ganz unschuldiges Individuum herausgestellt, das ohne vernünftigen Grund vom Pöbel angegriffen worden ist. * Eine gewissenlose und im höchsten Grade gefährliche Agitation, die in Ungarn allem Anscheine nach zielbewusst zu Wahlz\\ ecken organisiert ist, hat es darauf abgesehen, das Landvolk gegen die Juden durch massenhafte Verbreitung von Ritualmord-Märchen aufzuhetzen. Aus drei Orten kommt gleichzeitig die Kunde von diesen Wühlereien. In Dorozsma wurde das Gerücht ausgestreut, dass eine Frau namens Rosenberg drei Kinder in den Keller gelockt und daselbst eingesperrt habe. Dieselben seien erst freigelassen worden, als die Xachbarn die Frau bedrohten. Allgemein ist die Ansicht verbreitet, dii ss es den Juden von der Regierung gestattet wurde, durch 40 Tage Christenkinder zusammenzufangen und Blut von ihnen zu nehmen. In Feleghaza sollen längs der Bahnstrecke die Leichen zweier Kinder gefunden worden sein, infolge dessen auch dort das Märchen von Mund zu Munde geht, dass es den Juden gestattet wurde, christliche Kinder zusammenzufangen. Auch in Maria-Theresiopel hat die Nachricht von der den Juden ertheilten Concession zum Kinderraube eine gefährliche Gährung unter den niederen Volksclassen hervorgerufen. Dass man es hier lediglich mit gewissenlosen