Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 9 (9.1901)
- Date
- 1901-09-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 und geschäftlichen Vortheile dieses Wohnsitzes gegenüber der Gesammtheit übernommen hat, zu erfüllen. Ist es nicht ein unerhörter Zustand, dass viele Tausende von Juden in Wien leben, zu Ansehen und Besitz gelangen, Familien gründen, Kinder und Kindeskinder erziehen, durch ihre blosse Anwesenheit zur Steigerung des Judenhasses beitragen und sich doch um unser politisches Leben nicht einen Pfifferling kümmern? Von den 13 000 Steuerzahlern der Wiener Cultusgemeinde sind 3—4000 ungarische Staatsbürger, die jede Klage über die Schäden des Antisemitismus mit überlegenem Lächeln beantworten und stolz ausrufen: „Was geht das mich an, ich bin ja Ungar!" Wir haben uns die Mühe nicht verdriessen lassen, eine Vergleichung zwischen den Eeichsrathswählerlisten und der Wählerliste der Cultusgemeinde durchzuführen, und sind dabei zu überraschenden Resultaten gelangt. In der Inneren Stadt gibt es mehr als 800, in der Leopoldstadt und Brigittenau mehr als 1200, am Aisergrund bei 500 steuerzahlende Juden, die als Ausländer, zumeist Ungarn, kein politisches Wahlrecht besitzen. Man nehme die Statistik der letzten Wahlen zur Hand und rechne die Zahl dieser jüdischen Nichtwähler den freisinnigen Stimmen zu, und man wird finden, dass sie eine starke, eine unerschütterliche Majorität verbürgen. In den anderen Bezirken ist das Verhältnis wohl ein weniger günstiges, aber auch da Ii esse sich, namentlich in der allgemeinen Curie, durch die Erwerbung des Staatsbürgerreehtes seitens der ungarischen Juden eine wesentliche Verschiebung der Kräfte herbeiführen. In der Erkenntnis nun, dass man nicht alles dem lieben Gott überlassen, sondern auch selber etwas dazu thun muss, um sein Eecht und seine Ehre zu schützen, wird die „Oesterreichisch-Israelitische Union" in den nächsten Wochen bei allen Glaubensgenossen ungarischer Nationalität eine persönliche Agitation von Haus zu Haus einleiten, um dieselben zur Erwerbung der österreichischen Staatsbürgerschaft zu bewegen. Diese Action gewinnt besondere Bedeutung angesichts der im nächsten Jahre stattfindenden Landtagswahlen. Mit grosser Wahrscheinlichkeit darf man voraussetzen, dass die niederösterreichischen Städte den Christlich-Socialen verloren sind. Gelingt es noch überdies, die Innere Stadt dem Freisinn zu erhalten, die Bezirke Leopoldstadt und Aisergrund zurückzuerobern und das eine oder andere Mandat der allgemeinen Curie zu gewinnen, dann ist die antisemitische Herrschaft im Lande und damit auch der stärkste Eückhalt der antisemitischen Herrschaft in Wien gebrochen. Wir richten deshalb schon heute an alle unsere Mitglieder die dringende Bitte, uns freiwillige Beihilfe bei der bevorstehenden Agitation zu leisten und jetzt schon allen ihren Freunden und Bekannten ungarischer Nationalität dlie Wichtigkeit und Bedeutung der Erlangung des österreichischen Staatsbürgerrechtes auseinanderzusetzen. Es gibt keinen Sieg ohne Mühe, keinen Erfolg ohne Anstrengung! Wenn wir die antisemitische Gefahr überwinden wollen, müssen wir alle unsere Kräfte anspannen! S. F.