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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1901-07-01 · 7/8 (Juli/August 1901) · p. Seite 29

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
13 (1901)
Issue
7/8 (Juli/August 1901)
Date
1901-07-01
Page
Seite 29 (sequence 29)
Language
German
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29 Audi die Theorie der Wohlthätigkeit hat im Mittelalter ihren Bearbeiter in keinem Geringeren als Moses Maimonides gefunden, dem wir folgende, übrigens in Anlehnung an talmudische Vorbilder aufgestellte Wohlthätigkeitsseala verdanken: Die höchste Stufe nimmt derjenige ein, der durch Schenkung, Darlehen, Arbeitgeben den Verarmten dahin bringt, dass er Almosen nicht weiter gebraucht. Die näclisthohe Stufe wird durch ein Verhältnis dargestellt, wo (Jeher und Empfänger sich nicht kennen, die dritte, wo nur der Geber den Empfänger kennt, die vierte, wenn beide Betheiligten einander kennen, die fünfte, wenn dem Dürftigen mit der Gabe zuvorgekommen wird, die sechste, wenn dem vom Armen zuvor bekanntgegebenen Wunsche nach Kräften entsprochen wird, die siebente, wenn nur ein Theil der Wünsche erfüllt, aber das Wenige mit liebreichen Worten gereicht wird, endlich die aente, niedrigste, wenn die Darreichung auf beleidigende Weise geschieht. Getreu dem Urprineipe der jüdischen Wohlthätigkeit hat, wie wir sehen, Maimonides den Grad der Nächstenliebe, der in den Wohlthätigkeit sh an (Hungen zum Ausdrucke kommt, zum Massstabe ihrer Bewertung gemacht, und es entspricht gleichfalls der schon der alten mosaischen Gesetzgebung innewohnenden Tendenz, wenn er diejenige Hilfeleistung am höchsten schätzt, die den Unterstützten in die Lage bringt, sich fortab allein weiterzuhelfen. Maimonides bezeichnet den Höhepunkt des mittelalterlichen Judenthums auch auf diesem Gebiete- Ein anderes Bild zeigt das ausgehende Mittelalter, die Periode, die wir in der allgemeinen Geschichte bereits der Neuzeit zurechnen. Die früher geschilderte, nun schon so lange andauernde wirtschaftliche Benachtheiligung hat ein so grosses Massenproletariat in den Gemeinden erzeugt, die Landstrasse wTar von solchen Scharen jüdischer Wanderbettler überflutet, dass alle Anstrengungen der selbst meist nicht allzu begüterten Wohlthäter höchstens eine vorübergehende Linderung des schwersten Elendes zu bewirken vermochte. Um den Centraipunkt der hilfsbereiten Nächstenliebe sammelte sich eine so grosse Masse der Hilfsbedürftigen an, dass, um bei dem vorigen Bilde zu bleiben, der Wohlthätigkeitskörper an seinen beiden Polen, der F ü r s o r g e und der Selbsthilfe, abgeplattet scheint. Längst war die öffentliche Bettelei vor den Synagogen und auf Friedhöfen, war die Hausbettelei an allen Tagen der Woche zum ständigen Missbrauche geworden. Die Wanderbettler zogen in Scharen von Gemeinde zu Gemeinde und heischten auf Grund bereitwillig ausgestellter Empfehlungsbriefe, auf vorgebliche Gelehrsamkeit und vor allem auf das stets bereitwillig anerkannte Bruderrecht pochend, gastfreundliche Aufnahme bei den Gemeindemitgliedern. Sie sahen sich niemals getäuscht. Wer selbst noch so schwer für die Existenz seiner Familie zu kämpfen hatte, für den in seinen Ansprüchen verwöhnten Bettler hatte er noch etwas übrig. Wurde dieser zufriedengestellt, so erheiterte er die Familie seines Wirtes durch Erzählung seiner Erlebnisse, durch witzige Schriftauslegungen und allerhand Schnurren. So spendete auch der Bettler aus seinem Schatze, und der war nicht klein, denn es lebte etwas von der Poesie des Vaganten- und Weltbürgerthums in den jüdischen Bettlern, und diese Seite des Schnorrerthums ist von Schriftstellern wie Kompert in einer Episoden ligur seiner Erzählung „Die Kinder des Randars" und von Zangwill in seinem „König der Schnorrer" in unterhaltsamen Culturbildern geschildert worden. Anders als in dem verklärenden Spiegel der Kunst erschienen diese mittelalterlich zurückgebliebenen Verhältnisse in dem klaren Tageslichte, das endlich am Schlüsse des XVIII. Jahrhunderts in die düstersten Ghettostrassen hineinleuchtete. Dieses Licht einer neuen Zeit strahlte nur den Juden der westlichen Culturländer, den Ländern des Ostens ward höchstens ein dürftiger Dämmerschein beschert, über weite, von Juden stark bevölkerte Gebiete breitet noch heute die Finsternis des Mittelalters ihre sclnvarzen Schwingen aus. Hier blieb im wesent-

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