Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 7/8 (Juli/August 1901)
- Date
- 1901-07-01
- Page
- Seite 26 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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26 solcher eines Tages nicht aufzutreiben war. hatte Hillel selbst stellvertretungsweise diesen Posten übernommen. Bei alledem wurde der Gegenpol, um den sich die Armenpflege zu bewegen hat. die Selbsthilfe, nicht vergessen. Die Talmudist en wider - rathen, so weit es angieng, der Annahme von Almosen, wegen des damit verbundenen moralischen Druckgefühles: ..Wer Speisen auf zwei Tage hat, der nehme nichts von der Schlüsselsammlung, wer für drei versehen ist, nichts von der täglichen Speisenvertheilung, wer endlich 60 Sus (etwa 31 Mark nach unserem Gelde) besitzt und damit Handel treibt, nehme gar keine Unterstützung an." Noch die folgenden beherzigenswerten Sprüche unserer Weisen seien angemerkt: ..Mache dich an das noch so ungewohnte Werk, nimm den Lohn dafür und sprich nicht, bin ich nicht ein Priester, ein grosser Mann':" Mehr noch als durch ihre Aussprüche haben unsere Gesetxeslehrer durch ihr Vorbild im Sinne der Selbsthilfe gewirkt. Von ihren bedeutendsten Vertretern wissen wir., dass sie durch die niedrigsten Verrichtungen des Tagelöhners den Lebensunterhalt für ihre Familie und die Mittel zum Studium erwarben. Die Zeit des M i t t e 1 all e r s beginnt für die Juden mit dem Abschlnss des Talmuds — etwa 550 nach der üblichen Zeitrechnung, es endet für sie aber erst mit jener geistigen Bewegung, die in den Ländern des westlichen Europa die Emancipation der Juden einleitet, es hat also hinsichtlich der öffentlichen Rechtsstellung der Juden, ihrer socialen Lage und des von beiden bedingten Erwerbslebens wie auch der Geistesrichtung der jüdischen Bevölkerungsgruppe eist gegen Ende des XVITT. Jahrhunderts aufgehört. Für die Mehrzahl der Juden, die sich in den östlichen Ländern aufhalten, besteht in allen erwähnten Beziehungen das Mittelalter noch heute fort. Diese allgemeine historische Auffassung gilt auch ganz besonders für die Frage des Armenwesens. Immerhin können wir den langen Zeitraum in drei deutlich zu unterscheidende Abschnitte zerlegen. Der erste ist als L^ebergangsperiode zu bezeichnen und reicht bis zu den Kreuzzügen. Ihr äusseres Kennzeichen ist die Verlegung des Schauplatzes auf europäischen Boden, charakterisiert wird sie durch die Weiterbildung und Ausgestaltung der schon in der talmudischen Zeit üblichen Methoden und durch die Vorbereitung der später üblichen Massnahmen. Die Kreuzzüge bilden den wichtigsten Einschnitt. Sie sind nicht eine vorübergehende Periode der Verfolgung, sondern sie drücken dem wirtschaftlichen und socialen Leben der Juden den Stempel des Ghettothums auf. dessen Geltungsdauer für uns gleichbedeutend mit dem Begriff des Mittelalters geworden ist. Gleichzeitig mit den epochemachenden Ereignissen, die in der allgemeinen Weltgeschichte den Beginn der Neuzeit bedingen, wie die Entdeckung Amerikas, die Kenaissance und die Reformation beginnt für die im Mittelalter zurückgebliebenen Juden die Periode des überhandnehmenden Pauperismus, die zu einer weitgehenden Umgestaltung der Wohlt hätigkeitsmassregeln Veranlassung gibt. Der zeitliche und räumliche Rahmen ist sehr weit gespannt. Das darf uns aber nicht erschrecken, denn die Landesgrenzen sind hier nicht vorhanden. Die mittelalterliche .Menschheit war überhaupt international. Die Juden, die von den sie umgebenden Völkern durch die Ghettomauern abgeschlossen blieben, waren es erst recht. Religion, Stammesgefühl und die gemeinsame Gebetssprache bildeten ein starkes geistiges Band und als Ergänzung der Liebe sorgte der internationale Hass, der die Juden aus einem Lande ins andere trieb, dafür, dass die Wohlthätigkeitspflege hinsichtlich der geübten Methoden wie auch ihrer Schützlinge keine territorialen Grenzen kannte.