Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 7/8 (Juli/August 1901)
- Date
- 1901-07-01
- Page
- Seite 23 (sequence 23)
- Language
- German
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/ ^euilletot). Entwicklung der jüdischen Wohlthätigkeits- Einrichtungen- Fürsorge und Selbsthilfe. Referat in der Delegierten-Versammlung des Verbandes für jüdische Wohlthätigkeitspflege am 21. Februar 1901 von Dr. Willielm Neumann.*) Hochgeehrte Anwesende! Es gibt für den jüdischen Forscher wenige Gebiete., auf denen er einer so reichen Fülle interessanter und ein berechtigtes Selbstbewusstsein befriedigender Thatsachen begegnen könnte, als dieGeschichte unserer Wohlthätigkeitspflege, kaum eines., auf dem sich ein historisches Besinnen so verlohnte, wie gerade dieses, wegen der vielen deutlichen Hinweise, die der Vergangenheit zu entlehnen sind, für das, was in der Gegenwart zu thun ist. Für heute möchte ich mich darauf beschränken. Ihnen die wichtigsten Entwicklungsphasen der Armenfürsorge vorzuführen und aufzuweisen versuchen, von welchen Prineipien die jüdische Wohlthätigkeitsiibung in den einzelnen Epochen beseelt wurde, und in welchen praktischen Massregeln und Organisationen sich die herrschende Grundidee ausgeprägt hat. Unsere Aufgabe wird vereinfacht durch die Feststellung, dass das ethische Princip der jüdischen Wohlthätigkeitspflege stets das gleiche geblieben ist. Es findet seinen prägnanten Ausdruck in dem erhabenen Grundsatze: Du sollst lieben deinen Nächsten Avie dich selbst (III. B. M. XIX. 18). Auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit stellt sich •dieser Fundamentalsatz zunächst als eine Aufforderung an die mit Glücksgütern Gesegneten dar. Fürsorge für den bedürftigen Nächsten zu üben. So wie du dich nicht damit begnügst, für dich selbst hie und da einen Vortheil zu erlangen, sondern darnach strebst, dich dauernd in eine für die Entfaltung und Ausnützung deiner Fähigkeiten möglichst günstige Lage zu versetzen, so sollst du nicht genug gethan zu haben glauben, wenn du deinem Nächsten eine einmalige Gutthat erwiesen hast, du sollst nach Kräften Fürsorge für ihn üben, so weit es irgend möglich ist, sein dauerndes Gedeihen sichern! Hierzu ist aber., wie zu allen nachhaltigen Verbesserungen, die Mitarbeit aller Betheiligten, also auch der Armen selbst, nothwendig. Nicht umsonst stellt die biblische Erzählung die Forderung: Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brot essen! schon an das erste Menschenpaar, jenes Gebot, das anfangs wohl als Fluch *) Obwohl dieses Referat zunächst auf reichsdeutsche Verhältnisse zugeschnitten ist, glauben wir doch, dasselbe unseren österreichischen Glaubensgenossen zu sorgsamer Beachtung empfehlen zu sollen. Wir kennen nov-h Manches daraus für unsere Wohlthätigkeitpflege lernen. Anm. d. Red.)