Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 7/8 (Juli/August 1901)
- Date
- 1901-07-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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11 bung von Stempeln und Taxen, wie sie von der Commune Wien Ausländern gegenüber practiciert wird, vollkommen ungesetzlich. * Blutlügen. Die Lemberger „Gazeta Narodowa" veröffentlichte am 15. Mai d. J eine Notiz, die von .der antisemitischen Presse in Oesterreich und Deutschland nachgedruckt und als eine neue Bestätigung für die Existenz eines Blutaberglaubens unter den Juden bezeichnet wurde. Nach dem erwähnten Blatte betrat im Dorfe Lenkawizy am 20..März der dreizehnjährige Bauernjunge Peter Wierzbruka, der die Dorfschule besucht, den Laden des Aria Träger, der zugleich Schächter der jüdischen Cultusgemeinde sein soll, um für einen Cent (?) Tinte zu kaufen. Unter dem Vorwande, ihm noch für seinen Vater etwas mitgeben zu wollen, soll der Junge in den hinter dem Laden befindlichen Raum gelockt, an beiden Armen gefasst und an die Wand gedrückt worden sein, wobei er angeblich vom Sohne Trägers festgehalten wurde. Aria Träger habe dem Jungen ein Glas mit einer bräunlichen Flüssigkeit gereicht und ihn zum Trinken gezwungen. Nachdem der Knabe einen Schluck gethan, habe er sich wie eingeschläfert und halb betäubt gefühlt. Der alte Träger sei hierauf einen Augenblick verschwunden, um sofort wieder mit einem scharfen Messer zurückzukehren, mit dem er dem Knaben am Zeige- und Mittelfinger leichte Wunden beigebracht habe. Der junge Träger habe hierauf die Hand des Knaben ergriffen, sie mit der Handfläche nach oben gebogen und das ausströmende Blut in einen Napf von gelblicher Farbe abtropfen lassen. Hiernach habe der Knabe vollständig die Besinnung verloren und dieselbe erst wieder erlangt, als er sich auf der Strasse, vor dem Laden Trägers sah. Der Knabe habe zunächst den Vorfall zu verschweigen (!) gesucht, da Träger gegen seinen Vater schwere Drohungen ausgestossen habe. Schliesslich sei aber der Vater hinter das Geheimnis gekommen und habe die Sache dem Gerichte übergeben. Aria Träg er wurde als ein Mann von unheimlichem Einflüsse in der jüdischen Gemeinde bezeichnet und gelte unter den Bauern der Umgegend als ein „böser Zauberer", der durch Hexerei (!) bereits verschiedene Menschen von der Oeffentlichkeit habe verschwinden lassen. Als Zeugen dieses Vorfalles rief die „Gazeta Narodowa" u. a. den christlich-socialen Reichsrathsabgeordneten Fijak an und behauptete, dass alles Thatsächliche von einer Gerichtscommission bereits festgestellt worden sei. Dem gegenüber constatieren wir auf Grund der von unserem Rechtschutz- und Abwehrbureau eingeleiteten Erhebungen, dass es in Lenkawica (dies der richtige Name des Dorfes) eine israelitische Cultusgemeinde und daher einen jüdischen Gemeindeschächter gar nicht gibt; dass gegen Aria Träger auf Grund der Anzeige des Vaters des angeblich Geschädigten allerdings eine gerichtliche Untersuchung eingeleitet wurde und zu diesem Zwecke eine Gerichtscommission an Ort und Stelle war, dass jedoch die Erhebungen dieser Commission nichts Thatsächliches zutage förderten. Hierfür spricht der Umstand,