Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 7/8 (Juli/August 1901)
- Date
- 1901-07-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Wie soll es auch anders sein, wenn derjenige, der ihm das Idealste beibringen soll, ein gedrückter, armer Mensch ist, der nicht einmal die Muttersprache des Kindes in ihrer Reinheit spricht, ein Mensch, der den Unterricht als einen drückenden Taglohn ansieht, der ihn kümmerlich ernährt, ein Mensch, der hervorgegangen ist und erzogen wurde in Verhältnissen, welche weiten Blick, Wohlwollen und allgemeine Kenntnisse fast unmöglich machen; wie soll er dem Schüler Achtung einflössen, wenn er einen Jargon spricht, der in den Witzblättern den Garicaturen des Juden in den Mund gelegt wird; wie soll der Schüler nicht Vergleiche ziehen, wenn er den wohlwollend lächelnden, mit jedermann verbindlich sprechenden, durch sein Aeusseres bestechenden katholischen Katecheten mit seinem Lehrer vergleicht? Erst kürzlich wurde mir ein Fall berichtet, wo ein jüdisches Kind nachhause kommt und den Eltern weinend erzählt, es habe sich so auf den Religionslehrer im schwarzen Rock gefreut, und jetzt bekommt es zum Lehrer einen . . . Die Lehrer sind wohl alle ausgezeichnete Kenner der hebräischen Sprache und Literatur, aber nur wenige Religionslehrer, d.h. solche, welche in der Seele des Kindes zugleich die Liebe zu seiner Confes>ion, zu ihren Idealen, zu ihrer erhabenen Geschichte entfachen können. Hat man je gehört, dass ein evangelischer Religionslehrer seinen Schülern die Lehren des Evangeliums und die Erhabenheit derselben dadurch beizubringen versucht, dass er aus dem griechischen Urtext der Evangelien eine Seite mit Ach und Krach übersetzen lässt? Oder glaubt man, dass die Begeisterung, welche Cromwe Iis Eisenmänner für das Alte Testament hatten, durch das Auswendiglernen einer unverstandenen hebräischen Perascha genährt und entfacht wurde? Die Zeiten, in denen jeder intelligente Jude ein Sprachgelehrter war, sind für immer vorbei. Nur in dem weltentlegenen Ghetto des Ostens kann das Hebräische noch verstandene Sprache sein, sonst ist es eine Sprache, wie das Griechische, deren Kenntnis erstrebenswert und von so vielen zu pflegen sei, als Müsse dazu haben, aber die Zeiten, in denen man durch eine Sprache breite Volksmassen zu religiösen Ueberzeugungen erziehen konnte, sind für immer dahin. So wenig als heute die grosse Masse der Gymnasiasten dazu kommt, die Schönheiten der griechischen Poesie und Philosophie aus dem Urtexte zu gemessen, ebensowenig kann heute ein jüdischer Schüler die Donnerworte des Propheten im Urtexte auf sich wirken lassen. Aber an den Juden ist es, aus der Geschichte eine Lehre zu ziehen, der Schale nicht den Kern, die Idee nicht der Form zu opfern, und der alten obsolet gewordenen Sprache nicht die Ideen des Judenihums preiszugeben für den Preis, dass manche Menschen nothgedrungen einige hebräische Worte im