Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 7/8 (Juli/August 1901)
- Date
- 1901-07-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Aber halt! Was ist's mit dem jüdischen Religionsunterricht? Der ist doch frei! Ja, frei ist er wohl, aber nicht im mindesten geeignet, die vom Hause aus indifferente Jugend für das Judenthum zu erwärmen. Im Gegentheil. Ein jeder weiss aus seiner Bekanntschaft Fälle, in welchen der jüdische Religionsunterricht die Kinder ihrer Religion entfremdet, und so sehr liegt die Erinnerung an das Peinliche desselben oft im Herzen der jungen Leute, dass sie, kaum der Mittelschule entsprungen, durch Conversion austreten. Ich erinnere mich an meine eigenen Gymnasialstudien zu Anfang der Siebzigerjahre. Ich hatte das Glück, einen Religionsunterricht zu gemessen, den ich als Ideal desselben bezeichnen könnte. Und unter welch erschwerenden Umständen. In der böhmischen Gymnasialstadt, in der ich die Studien absolvierte, war kein autorisierter Rabbiner angestellt, die Gemeinde war zu klein, das Gymnasium aber von den Orten der Umgebung ziemlich stark von jüdischen Studenten frequentiert. Einmal in 14 Tagen kam der betreffende Kreisrabbiner in die Stadt. Sonntags unterrichtete er von 8—9 Uhr alle Schüler des Untergymnasiums, und von 10—11 Uhr alle Schüler des Obergymnasium, und trotz dieser geringen Zahl von Unterrichtsstunden sind alle Schüler desselben noch heute begeisterte Anhänger des Judenthums. Alle sind sie treue und überzeugte Juden geblieben, und kein einziger hat in der Religionslehre je eine Note „ungenügend" erhalten. Ich gestehe heute selbst, dass alle Abiturienten vor der Maturitätsprüfung, die im Beisein der Commission stattfand, ^rnau gewusst haben, aus welchen Fragen sie geprüft werden können, und trotzdem war der Unterricht ein fruchtbringender. Der Vortrag war mit weiten geschichtlichen AusblicKen verbunden, mit interessanten sprachlichen Bemerkungen durchsetzt sodass man sich die ganzen 14 Tage hindurch auf denselben freule, die Sprache war eine gewählte, das Auftreten gegen die Schüler ein wohlwollendes, obwohl es auch unter uns ungezogene Rangen gegeben hat, und da wende man nun ein, dass zwei Stunden in der Woche nicht genügen sollten, um den Sch ülern einen Einblick, allerdings keinen gelehrten, in die Geistesarbeit und die Ethik unserer Confession zu gewähren. Es mag allerdings zugestanden werden, dass das Kindermaterial der Grosstadt für den Lehrer minder günstige Objecte abgibt, als in der kleinen Provinzstadt. Es mag sein, dass manches gemästete Söhnlein reicher Parvenüs, besonders wenn in der Familie viel in „Geist4, gemacht wird, mit Hohn dem ärmlichen Lehrer begegnen wird, aber umso höher, erhabener, umso pädagogisch richtiger muss die Aufgabe angefasst werden. Ich kenne eine Grossstadt, in welcher jedem Schüler, besonders in der Mittelschule, vom Religionsunterrichte nur die Vorstellung der schauerlichen Gestalt mit dem zerbrochenen Speer als Symbol zurückbleibt.