Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 7/8 (Juli/August 1901)
- Date
- 1901-07-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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goge als niedersinkendes, finsteres Weib, das vergeblich auf den gebrochenen Speer des Gesetzes sich zu stützen versucht. Wie? In der Zeit des fanatischen Judenbrennens, da wenige Stunden von Paris, zu Troyes, der Stadt Raschis, in der fruchtbaren Champagne und am Rhein, überall um Strassburg herum zehntausende glaubensüberzeugter Juden mit dem Bekenntnis des „Einzigen" auf den Lippen als Blutzeugen ihrer religiösen lieberzeugung den Märtyrertod erlitten, wäre die Synagoge der jüdischen Confession eine dahinsinkende Gestalt gewesen? Zur Zeit Raschis, Jehnda Halevis, eines Maimonides, Salomo ibn Gebirols, zur Zeit, wo die Juden den halbbarbarischen Nachkommen der alten germanischen und gothischen Völker in Deutschland und Spanien die Spätfrüchte hellenischen und die gleichzeitigen Früchte der jüdisch-arabischen Cultur übermittelten? In ihre r Hand wäre der Speer des Hasses und der Rache gewesen? Der Kelch der Menschenliebe jedoch in der ihrer Widersacher? Wahrlich, wenn Raschi, der im Stammlande der Gothik zu ihren allerersten Anfängen lebte, jemals eine solche Darstellung gesehen, wie mag er gelächelt haben über den naiven Glauben! Die Juden hatten keineswegs Grund, sich von derselben getroffen zu fühlen. Sie entspricht auch heute nicht dem genauen Kenner des Judenthums, aber sie wird heute überall, wo man zu den historischen Analphabeten nicht mehr mittelst naiver bildlicher Darstellung spricht, sondern durch fromme augenverdrehende Tractätlein, ..Jugendschriften", in wissenschaftlichem Gewände einhergehende Revuen, die iu Wirklichkeit freiwillige Mitarbeiter der Mission zur Judenbekehrung sind, namentlich aber durch die officielle staatlich und kirchlich punzierte Geschichts-Darstellung, verbreitet von Juden und Christen, als bare Münze angenommen. Dass diese Anschauung unter den Christen auf Treu und Glauben oder durch aufgelegte Tendenz verbreitet wird, ist ja begreiflich. Sie geschieht entweder aus Unkenntnis der jüdischen Confession und ihrer Lehren, oder aus dem Bestreben, der eigenen Confession eine Folie zu geben. Auffallend ist nur die Erscheinung, dass diese einfache Darstellung auch in der modernen Judenschaft und namentlich in der Jugend viel verbreitet ist. Ich kenne eine Dame von durchaus unphilosophischer Geistesbildung, die eines schönen Tages ihren Mann und ihre Kinder zur Conversion gebracht hat. Auf meine Frage, aus welchen Motiven sie dies gethan hätte, antwortete sie : „Ich will doch, dass meine Kinder eine Religion haben." Die Frau ist typisch für eine ganze Gasse. Als Juden haben sie keine Ahnung von ihrer Religion und der ihrer Kinder; als Christen haben sie eine Religion kennen zu lernen. Zu diesen Motiven gesellt sich noch ein zweites : die wirtschaftliche, politische und bürgerliche Zurücksetzung der Juden, und so mancher sagte sich: vom Judenthum weiss ich nichts, das Christenthum kann ich kennen lernen und dabei materielle Vor-