Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 5/6 (Mai/Juni 1901)
- Date
- 1901-05-01
- Page
- Seite 30 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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3<J an die Knie, an die Hüften . . . Und. nicht wahr, dieser blosse Anblick spricht ja schon genug? . ♦ . Aber nein! Plötzlich fährt eine messerscharfe Stimme dazwischen, und einer, der mitgethan hat bei der Verführung und Entführung seiner Tochter, der mitgethan hat bei dem Schimpfe, mitgethan hat, ihm Salz in die Wunde zu schütten und das Gift noch wirksamer und brennender zu gestalten : dieser eine, ich weiss nicht, ist es Salerio oder Solanio, wird ungeduldig, die Rührscene dauert ihm zu lange, und er schreit: „Seht, wie dieser ungeheuerliche Jude das Messer wetzt.w* So rufe er, jetzt, wo es für jedermann ersichtlich ist, dass Shylock ganz zusammengebrochen ist! Und da trägt es denn die menschliche Natur nicht länger. Wie, auch jetzt noch diese Schmach? Wollt Ihr mich denn durchaus nur zum Bluthund stempeln und zu nichts anderem haben, nun denn, so will ich denn der Bluthund sein und mir nicht nutzlos wegschmeicheln lassen meine Rache durch schöne Worte. Fluch Euch, Ihr Bluthunde! Ich bestehe auf meinem Schein! Dies ist die Geschichte von Shylock, dem Juden, wie sie Shakespeare gedacht und geschrieben hat. Es ist nicht seine Schuld, wenn man sie nicht versteht. Der heutige Dramatiker gibt seine Bücher mit Spielanweisungen heraus, welche seine Meinung über die Gestalten seiner Phantasie klar machen; Shakespeares Spielanweisungen sind nicht auf uns gekommen. Aber sind wir denn nicht imstande, sie zu errathen? Vom Virtuosen, der Bach'sche Musik macht, wird gefordert, dass er Register zu ziehen verstehe — und wir sollten nicht Register ziehen können, wenn es sich um ein Werk der redenden Kunst handelt, das mit der ganzen Logik der Thatsachen zu uns spricht? Nicht zu vergessen, dass uns von so vielen anderen Stücken her die Sinnesart des Verfassers bekannt ist. Da wir ihn in einer ungeheuren Folge herrlicher Werke auf der Linie der Vernunft und des Rechtes und des Mitleids mit dem Gequälten, Unterdrückten und Zurückgesetzten betroffen haben, sollte er hier plötzlich so erbärmlich klein sein, wie sein Zeitalter, klein, wo doch in so unveräusserlichen Wahrheits- und Naturlauten gerade in diesem Stücke die Anklage des Unterdrückten gegen den Unterdrücker sich erhebt? Ja freilich, man sagt mir, der Richterspruch, denPorzia schliesslich fällt, der enthält doch Shakespeares Meinung; sie zwingt den Juden zum Uebertritt zum Christenthum, und damit ist auch für Shakespeares Meinung alles gesagt. Aber ist denn das auch wahr? Bitte, schauen Sie nur nach in dem Drama, nicht Porzia spricht das Urtheil! Nein, sie überlässt das Endurtheil dem Dogen, und da dieser seine Bereitschaft, zu mildern, ausspricht, begibt sich — was? Die Hälfte von Shylocks Vermögen soll an Antonio, die andere Hälfte an den Staat fallen, das ist das Urtheil, und nun ruft Porzia dem plötzlich wieder frei und reich gewordenen Urheber der ganzen Schrecklichkeit zu: „Was gedenkt denn nun Antonio zu thun?*; Ein- und zweimal, ich wiederhole es, ruft sie das, bis dem Antonio klar wird, dass die Situation auch von ihm etwas fordert, und nun — bitte, das ist eine Thatsache des Stückes, und zwar entscheidende Thatsache — nun erhebt der Märtyrer, der Mann des Noblesse oblige, seine Stimme, und was sie spricht, ist thatsächlich Gnade! Nämlich Gnade