Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 5/6 (Mai/Juni 1901)
- Date
- 1901-05-01
- Page
- Seite 29 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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29 scheulich! Verkennst auch Du so sehr die Grenzen der Möglichkeit? So tritt kein Mann auf, der stückweise gebrochen wurde, keiner, der, feige wie ein Wolf und hungrig wie ein Wolf, bis zum Gerippe abgezehrt ist. Weiss er denn nicht, was er wagt? Die Erwartung der Entscheidung macht ihn krank; wenn er bisher trotzte — in dem Augenblicke, wo er sein Haus verliess, um sich zu Gericht zu begeben, und zwischen den Reihen seines Volkes hindurchgieng, die ihm alle fluchten, da ward ihm klar: Was habe ich gethan? Aber er konnte nicht zurück und wollte auch nicht, und so kam er her mit dem Bewusstsein, dass ihm nur dieser eine Augenblick geschenkt sein werde, wo er laut und offen ausrufen würde: Euer Staat ist nichts, Euer Recht ist nichts, Eure Moral ist nichts; umbringen könnt ihr mich, denn ich bin ein Jude, aber vor dem Untergang speie ich Euch an, wie Ihr mich. Und sein Plan steht fest. Nicht ein Wort vom erlittenen Leid wird über seine Lippen kommen, Jessicas Name wird ganz ausgelöscht sein. Die Ehre thut er dem^Richter-Mörder nicht an!.. Nichts, nichts davon; wozu sie noch lachen machen? Nur bei ihrem Rechte wird er sie packen, nur bei diesem Schein von Recht, gestützt auf seinen Schein . . . Und da — erste Steigerung — begibt sich zur namenlosen Ueberraschung Shylocks etwas, dass er schier zurücktaumelt; nämlich er erwartet sofortige Rechtsverweigerung, und statt dessen nimmt man die Sache ernst, und sein ganzes Concept ist über den Haufen geworfen, denn Venedig geht, scheint es, auf den Schein ein. Und dann übernimmt Porzia die Sache, die es sofort weg hat, dass der Mann einen verschleierten Kampf führt und den Grund seiner Raserei nicht nennt, und dass diesem Forderer mit dem todtbleichen Gesichte die Knie ebenso schlottern, wie dem Schuldner, der da nebenan steht. Und da spricht sie nun ebenfalls das grosse Wort aus, dass der Schein zu Recht besteht . . . lange furchtbare Pause ... sie selbst, scheint es, ist beklommen, aber sie beobachtet genau das Mienenspiel des Mannes, der da, wie aus den Wolken gefallen, mit dem Messer in der Hand dasteht und nicht wreiss, wohin sich wenden, mit schwacher Stimme dann erwidert: „Warum muss ich Gnade üben? Zeigt mir das." Denn wie soll er gar so kläglich beigeben, der so laut gebellt hat? Und da kommt sie zu ihm nun, spricht: „Ein Muss gibt es nicht, weil die Art der Gnade von keinem Zwange weiss", und verlässt ihren Richtersitz, tritt zu ihm hin, sieht ihn an, und zum erstenmale in dieser fürchterlichen Tragödie sieht er zwei gute Augen auf sich gerichtet, legt sich eine Hand auf seine Schulter, spricht ihn eine Stimme an, leise, nicht für die anderen, die es ja nicht verstehen würden: „Ohne Gnade gibt es keinen Gott in der Welt, ja, Shylock, sie ist das Schönste, das einzige, was noch diese Erde von der Hölle unterscheidet." Und nicht mit dem Munde, sondern mit den Augen spricht sie: „Ich weiss, was geschehen ist. Du hast Dein Theil mehr als jeder andere Mensch auf Erden, Dich haben Bestien zur Bestie gemacht, und die eigene Tochter hat dabei geholfen — und dennocb übe Gnade! Du kannst ja auch nicht anders, ich sehe es ja, das Mörder-Sein ist nicht Dein Theil" . . , Da steigen Thränen in seinen Augen auf, den ganzen Körper durchschüttert sein Weinen, und das Messer, mit dem er hätte ins Fleisch schneiden sollen, schlägt nur so