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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1901-05-01 · 5/6 (Mai/Juni 1901) · p. Seite 28

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
13 (1901)
Issue
5/6 (Mai/Juni 1901)
Date
1901-05-01
Page
Seite 28 (sequence 28)
Language
German
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Haus gebracht wurde, um von da weiter auf dem Schiffe des Bassanio zu fliehen. Und wer soll ihn überzeugen, dass es anders war? Salerio und Solanio, die ihn höhnten? Sie waren mit im Complot, und er wird sagen, sie sind falsche Zeugen. Oder Antonio? Ha, der ist schon gar der letzte, dem er Glauben schenken kann! Und nachdem er denn unbedingt an ein Complot glaubt, bestimmt, ihn um seine Familienehre, sein Vermögen und um alles zu bringen, da taucht er denn, als sich die Verluste des Antonio bestätigen, ganz in seinem Rachegefühle unter, und ruft: „Ich kann der Hydra nicht alle Köpfe abschlagen, aber diesen einen habe ich, und ich bestehe auf meinem Schein!" Nun, und so kommt der Augenblick der Entscheidung. Zuvor freilich noch Stösse und Stösse. Die Tochter ist nicht mit Bassanior sondern zu Lande geflohen — alles eins. Sie hat in Genua, so erfährt er, an einem Abend 80 Ducaten in einem Wirtshause an der Landstrasse ausgegeben; und wie herzlos ist sie! Sogar einen Ring, den ihm seine Frau zur Hochzeit gegeben, hat sie verklopft und verschenkt . . . Ach, läge sie doch todt vor mir, die Schamlose! Dass dies mein Fleisch und Blut ist! . . . Beraubt und entehrt, und allein gelassen, mich, den Vater; und zwar wie sehr allein! Denn etwas gibt es ja doch, wonach merkwürdigerweise nicht nur christliche, sondern auch jüdische Kritiker nie gedacht haben, nämlich, dass er in seinem ungeheuren Elend auch von den Juden verlassen wird. Denn in dem Augenblicke, wo es in seiner Gemeinde bekannt wird, dass er seinen Schein geltend machen und ein Pfund Fleisch aus dem Herzen eines Menschen — was sage ich, eines Menschen? eines Christen, schneiden will, was geht denn da in den Reihen der Juden vor? Der Fluch Gottes ist jetzt auf uns in Venedig herabgefallen, müssen sie sagen, jetzt werden wir alle für seinen Wahnsinn verantwortlich gemacht werden und mit allen möglichen Torturen gemartert werden. Oder wissen wir denn nicht, wie es geht? Eines Tages erlebten wir es hier in Wien,, dass ein Jude auf offener Strasse einen antisemitischen Abgeordneten mit der Reitpeitsche überfiel. Nicht wahr, wie es da in den Reihen der Juden laut wurde: Erbarme Dich wozu war das, jetzt wird es noch tausendmal schlimmer sein. Und wie erst, wenn es bekannt wird, dass Shylock aus einem Papierfetzen eine so fürchterliche Waffe machen will: ist das nicht ein ungeheures Unglück für das ganze Judenthum? Und da kommt Jung und Alt, Männer und Frauen, und belagern ihn und schreien: Du bist unser Unglück, und die Sache ist Wahnsinn — es kann ja daraus nichts werden, sondern es wird noch das Unglück von tausend anderen sein. Und er, was antwortet nun er? Wie Timon von Athen wird er jetzt, jagt sie von seiner Schwelle, beschimpft sie und ruft: „Weil Ihr mich verlasset, und weil keiner mit mir fühlt, gar keiner, darum justament und desto mehr bestehe ich auf meinem Rechte und auf meinem Scheine!" Und so tritt er denn vor Gericht. Man lässt ihn heroisch auftreten; ich habe selbst mit eigenen Augen angesehen, wie in München ein Schauspieler — ein geborener Jude —- eine Komödie von Heroismus und Kraft entwickelte und aufrecht, stolz wie ein Riese sein Schlachtmesser wetzte, und da dachte ich mir: Das ist doch ab-

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