Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 5/6 (Mai/Juni 1901)
- Date
- 1901-05-01
- Page
- Seite 27 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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L>7 weil er ein Jude war, hatte man keine Empfindung für das, was ihm von der Diebin angethan wurde: mit ihr, dem schäkernden Fräulein, sympathisierte man, ihn nannte man den Hund, der mit seinem Bellen die Gemüthlichkeit stört; bei ihr flötete man: o welch ein Gemüth! wenn sie den Mond ansang, und vom Juden glaubte man, dass seiner Seele das eben Erlebte eigentlich nichts ist. Mit einem Worte, das allgemeine Gefühl stand ausserhalb aller Menschlichkeit, wenn es sich um einen Juden drehte, und mit der Logik der Barbaren und der schrecklichsten Verwilderung glaubte es, dass der Jude ausserhalb der Menschlichkeit steht. Ja, es ist schrecklich. Da begegnen ihm zwei Freunde des Bassani o und Antonio, theilen ihm mit, dass dem letzteren wirklich einige Schiffe zugrunde gegangen, fragen wegen der Schuldverschreibung, ob Shylock am Ende gar den Schein in Anspruch nehmen werde, und er redet nicht von Geld, nicht von Schiffen, sondern nur: „Ihr, o Ihr habt um ihre Flucht gewusst!" Und die Leute sagen, es gehe ihm nur um das Geld! Aber nun welche Roheit! Was antworten sie? „Ob wir es gewusst haben! Selbstverständlich, wir haben sogar dazu geholfen." Und als er, sich die Brust mit den Nägeln zerfleischend, aufstöhnt, wiederum nicht wegen des Geldes, sondern weil sein eigen Fleisch und Blut sich gegen ihn empört hat, da antworten sie : „Du Scheusal wagst es, das weisse Fleisch dieser süssen Dirne mit Deinem Pergamentgerippe zu vergleichen? O gewiss, Lorenzo kennt jetzt dieses weisse Fleisch, und weil es in die Bude eines elenden Juden nicht passte, darum haben wir bei der Flucht mitgethan ..." Aber wozu ausmalen? Shylock hat das Schicksal Franz Moors, und zwar bevor er ein Verbrechen begangen, denn für jedermann hat man einen Rest von Gnade und Erbarmen, nur für ihn nicht. Ein grausamer Schwarzer findet im „Titus Andronicus" noch die Liebe einer Kaiserin, Lancelot kann sich in eine Mohrin verlieben, ohne dass man es ihm übelnimmt, den Brabantio bedauert man, wenn er um die Tochter klagt, und der schrecklichste Mörder hat noch jemanden, der um ihn ist und seine Qualen theilt — Shylock aber ist von allen Seiten umstellt, gehetzt, gehöhnt und beleidigt, grenzenlos allein. Da kommen sie, scheinbar um ihn zu beschwichtigen, denn es beginnt ihnen zu dämmern, dass sein Rachedurst wahnsinnige Formen annehmen muss, und statt das einzige zu thun, was ihn milder stimmen könnte, und ihm ein armseliges Mitleid zu bekunden und ein bisschen nur in seine schrecklichen Leiden sich hineinzudenken, wird herumgewühlt, gestossen und herumgebohrt in der Wunde, mit schamlosen Unflätigkeiten und wilden Bübereien, von denen jede wie nur irgend ein Marterwerkzeug wirkt. Und da wundert man sich über seinen Entschluss? Gewiss, ein Christus, ein Engel der Liebe, hätte seinen Entschluss nie gefasst; aber er ist, wie er nun einmal ist, und so zerrissen und gehetzt, erhebt er sich zu der alten Beduinenwildheit, denn für seinen Argwohn ist der Zusammenhang der Dinge geschlossen. Für ihn steht fest, und niemand kann es ihm ausreden, dass das Ausleihen der 3000 Ducaten nur ein Vorwand war, unter dem sich die Leute bei ihm einschleichen wollten, um Jessica gefügig zu machen; für ihn steht fest und er lässt es sich nicht ausreden, dass Antonio mitspielte, und dass sie in sein