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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1901-05-01 · 5/6 (Mai/Juni 1901) · p. Seite 25

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
13 (1901)
Issue
5/6 (Mai/Juni 1901)
Date
1901-05-01
Page
Seite 25 (sequence 25)
Language
German
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25 Reisezeit für das Schiff, also vorwärts zum Molo, zum Lido . . . Aber da fehlen plötzlich einige von den Herren, die mitsollen, Lorenzo und Graziano fehlen, Solanio und Salarino fehlen auch. Wo sind sie denn? Man weiss es nicht, und ungeduldig macht sich Antonio in eigener Person auf die Suche nach ihnen und rennt durch die nächtigen Strassen, findet sie nicht weit von Shylocks Hause, und mit ihnen eine fünfte Person, einen jungen Knaben, einen Fackelträger, der vielleicht auch eine Maske vor dem Gesicht hat und ein Kästchen unter dem Arme. Und noch etwas. In Venedig haben die Strassen die Eigenschaft, dass sie nie so menschenleer sind wie bei uns mit unserem Wiener Nachtleben, und es ist auch ein Scandal, dass die venetianischen Strassen auf unseren Bühnen immer nach Wiener Muster leer sind, statt belebt zu sein, wie im lachenden Venedig. Besonders wenn es eine Serenade gibt. Da stehen Leute auf den schmalen Steigen längs der Häuser, da sitzen welche auf den Treppchen, die zur Lagune hinunter führen, und lassen die Füsse herunterhängen; und die kleinen Piazzette sind belebt, und da gibt es denn Leute, welche hören und sehen . . . Und siehe, da kommt Shylock plötzlich zurück! Vielleicht ist er auf dem Rückwege sogar dem Trupp begegnet, dem der kleine maskierte Fackelträger vorangieng, und hat sich, die Leute nicht erkennend, scheu und demüthig an eine Mauer gedrückt, um ihnen auszuweichen. Denn ich bitte, einem alten Juden eins zu versetzen in der Faschingsstimmung, das ist doch ein Hauptspass . . . Und da kommt er nun vor sein Haus, hört Stimmengemurmel, geht hinein, sucht . . . sucht . . . sucht, bis er entsetzt zu ahnen beginnt, und nun hört man sein wildes Wehegeschrei die Luft durchdringen . . . Und wie ist das nun gekommen? Was hat sich begeben? Man erzählt es ihm, und dann auf einmal beginnt man zu höhnen! Zu höhnen!... Wissen Sie nicht, wie das wehthut, wie das mit tausend Feuern brennt und den Dolch im Herzen hundert- und hundertmal marternder und schmerzhafter umdreht? Wer das Unglück hatte, Zeuge zu sein vonFamilienscandalen, weiss, wiejeder Betroffene schon beim lautlosen Hohn schier vergeht und am liebsten bei lebendigem Leibe in das Grab sinken möchte. Und nun bedenken Sie: ein alter Vater, und die Tochter durchgegangen und zur Diebin an ihm geworden, eine Jüdin dazu, die mit einem Christen durchgegangen und unter Verrath ihres Glaubens den alten Vater allein gelassen und vor seinem. Volke geschändet hat! Seit Venedig besteht, war unter den Juden keine solche Schmach zu verzeichnen, Wollust und Verrath und Herzlosigkeit und die scheussliche Schmach des nächtlichen Diebstahls . . . Und da stehen Leute herum und lachen voller Hohn und finden das alles komisch, weil es ein Jude ist, dem das widerfahren . . . Und diesen Stimmen der herzlos höhnenden Menge lauschte Shakespeare; es sind dieselben, die im „Othello" zur Nacht unter dem Balkon, von Jago aufgehetzt, den alten Brabantio herausrufen und ihm ausmalen, welche Schmach ihm widerfahren. Und wie thut man es erst dem alten Juden! O, und da erfährt er nun, wie viele ihrer da waren, und wie sie flüsterten und wie sie dann lachten, als der kleine maskierte Fackelträger erschien, und wie dann Antonio herbeigeeilt kam, um nach ihnen zu fragen, und . . . Und! was braucht es noch eines weiteren „und"? Antonio war hier? Antonio hat nach

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