Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 5/6 (Mai/Juni 1901)
- Date
- 1901-05-01
- Page
- Seite 24 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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Diener unfein sein? Nur dass er ein Gewissen hat, welches für ihn diese Frage der Dienstveränderung zu einer Staatsaction gestaltet, in welcher alle guten und bösen Geister mitspielen,und da sagt der Teufel: „Verlass' den Juden!" und das Gewissen sagt, das Gewissen des Dienstboten, der doch die Herrschaft genau kennt: „Verlass' ihn nicht, es ist nicht so schlimm bei ihm ..." Und wohlgemerkt, ich weiss ganz gut, dass in Lancelots Munde alles Spass und Humor ist. Aber ganz im Spasse sagt er dann zu Jessica: „Ihr seid verflucht!" Ganz im Spasse sagt er : „Shylock ist schmutzig und geizig" — nur das eine sagt er nie, er hätte je an Shylock eine Unmenschlichkeit gesehen. Aber er entscheidet sich schliesslich, was ja nicht zu verwundern ist, für Bassanios Dienst, und dieser aeeeptiert ihn und gibt ihm gleich einen Auftrag, Shylock zu dem heute stattfindenden Abschiedsessen einzuladen, und Lancelot führt den Auftrag aus. Aber hat er sonst nichts im Stück zu thun? O, er ist keine bloss humoristische Episodenfigur, er ist Mithelfer bei der tragischen Verschürzung der Fäden überall, wo es zum Aeussersten geht, und so überbringt er in Shylocks Haus noch einen zweiten Auftrag, der an Jessica gerichtet ist und von Lorenzo herrührt. Und Sie wissen ja, wer Lorenzo ist? Derselbe, der im Anfang Bassanio an Shylock gewiesen hat; und jetzt hat er den passenden Augenblick ausgewählt: während Shylock, der Vater, auswärts, bei Bassanio speist,, wird Lorenzo zur Tochter Jessica kommen; und während Bassanio mit Shylocks Ducaten nach Belmont fährt, wird Lorenzo dem Juden die reizende Tochter entführen — das ist's, was Lancelot zu melden hat. Natürlich traut er sich in Shylocks Gegen wart mit der Sprache nicht heraus, aber es ist so ungeheuer komisch, nicht wahr, wie geschickt er seine Mittheilung verkleidet: „Verschworen haben sie sich auch .... Und wrenn an dem Hause eine Maskerade vorbeikommen wird, so wird damit bewiesen sein, dass meine Nase nicht ohne Grund zu bluten anfieng am letzten Ostermontag des Morgens um 6 Uhr, da das Jahr auf den Tag fiel, wo vier Jahre vorher nachmittags Aschermittwoch war." Das ist drollig, nicht wahr, und die Gallerie lacht, und lacht auch über Shylock, weil er zu moros ist, mitzulachen, sondern sich sogar über den Unsinn ärgert. Und er sieht auch nicht, wrie Jessica bei den Worten erst blutroth, dann bleich wird. Nur eines fällt ihm auf: Verschworen haben sie sich und Maskeraden werden vorbeigehen? Eh, Vorsicht! Vorsicht! Verschliess' Thür und Fenster, Jessica, meine Tochter. Diese Spässe sind nichts für uns; so oft die sich freuen, pflegt es mit irgendwelchem Tort und Thränen für unser von allen getretenes Volk zu enden . . . Und bange Ahnungen steigen in ihm auf; verschworen haben sie sich, sagte der Lump, wer weiss gegen wen . . . vielleicht ist's besser, zuhause zu bleiben . . . Aber da zeigt sich, dass er dem Lancelot doch vertraut; der macht wieder sein lustigstes und närrischestes Gesicht, und er kann doch nicht so schlecht sein, sich zu verstellen, wenn er etwas Ernstes wüsste . . . Also gehen wir . . . und er nimmt von Jessica Abschied — um sie nicht wiederzusehen . . Und nun begibt sich auf einmal Seltsamkeit über Seltsamkeit. Er kommt in Antonios Haus, wo das Fest stattfinden soll, und erfährt, dass es nicht stattfindet; der Wind hat umgeschlagen, und es ist beste