Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 5/6 (Mai/Juni 1901)
- Date
- 1901-05-01
- Page
- Seite 23 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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23 ihm die wildeste Absicht zuzuschreiben, das hejsst, ihn für wahnsinnig halten — und das hat noch niemand gethan. Und nun, was geschieht denn eigentlich weiter, und was kommt hinzu, um diesen wildesten Rachedurst zu erzeugen? Das ist jetzt die Frage, so dass man sagen kann: im ersten Acte wird die Voraussetzung für das Stück, die Glaublichkeit des ganzen, ja sonst in das Fabelreich gehörenden Vorganges geschaffen und befestigt; und jetzt, da ausser Frage gestellt ist, dass unter vernünftigen Menschen ein solcher Vertrag zustande kommen kann, der die äusserste Demüthigung eines millionenreichen Herrn beinhaltet, jetzt kommt die Frage hinzu: Was begibt sich weiter, damit Shylock in namenloser Wuth sich auf den Wortsinn des Vertrages zu steifen beginnt? Nun denn, es begeben sich zunächst lauter kleine Vorfälle, die so geringfügig sind, dass unsere Kritiker für sie keine Augen haben. Denn Shakespeare-Kritiker sein, heisst, in Wolken des Aesthetischen herumschwimmen und all das Kleinzeug verachten, das sich da als Handlung auf dem Grunde des Stückes begibt. Zunächst also trifft ßassanio die Zurüstungen zu seiner Abreise, was natürlich der Aufmerksamkeit eines hochfliegenden Kritikers nicht wert ist, und dann veranstaltet er in Antonios Hause ein Abschiedsfest, zu welchem auch Shylock geladen wird und erscheint. Und zuvor hat sich auch schon etwas zugetragen; nämlich nach erfolgter Uebergabe des Geldes ist es zwischen Shylock und Bassanio zu einem Gespräche gekommen, wobei Shylock wieder in die kleinlichsten, krämerhaftesten Details versank, so weit, dass er sich über die Qualitäten seines Dieners Lancelot aussprach, indem er erzählte, dass derselbe zuweilen gut, zuweilen aber auch schlecht, faul und gefrässig sei, so dass er nicht in ein wirtschaftliches Haus gehöre. Alles vernachlässigt der Kerl, er ist leichtfertig und unterhaltungssüchtig . . . Kurz, Shakespeare sorgt eben immer für Abwechslung, wie man zu sagen pflegt, und hat Vorliebe auch für das kleine humoristische Detail. Ja gut, aber wir sind dieser „Vorliebe" diesmal zu besonderem Danke verpflichtet; denn diese „Vorliebe" arbeitet nach Art eines Richters, sie sammelt Beweise und stellt uns drastisch vor Augen, dass nach Unterzeichnung des Vertrages die Gedanken Shylocks ganz wie an einem gewöhnlichen Tage um all den hundertfältigen Krims-Krams der Häuslichkeit spielten. Also vor Abschluss des Vertrages kein Gedanke an Blutgier — beim Abschlüsse die Blutgier ausgeschlossen, weil sie Wahnsinn wäre — unmittelbar daran anschliessend nicht nur keine satanische Freude, sondern wieder Grünzeug und Petersilie sozusagen statt aller Schaugerichte der Leidenschaft —- und das sollte möglich sein, wenn in der Seele der Hass das Messer zum Hinschlachten ein es Menschen bereits wetzt? Und es begibt sich also, sage ich, noch anderer Krimskrams; so z. B. dass Lancelot durchgehen will, weil er den Bassanio gesehen hat und sich sagt, dass es sich bei diesem angenehmer dienen liesse, schon weil bei der interessanten Expedition, die dieser unternimmt, es für die Dienerschaft artige Sportein geben wird. Denn der Kaufmann denkt an seinen Vortheil, Shylock sucht seinen Vortheil, Prinzen und Grafen omd Lords suchen ihren Vortheil, warum soll dies bei dem armen