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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1901-05-01 · 5/6 (Mai/Juni 1901) · p. Seite 22

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
13 (1901)
Issue
5/6 (Mai/Juni 1901)
Date
1901-05-01
Page
Seite 22 (sequence 22)
Language
German
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er kneift die Augen zusammen und spielt im Geiste mit den Möglich« keiten — und es wird ihm doch so schwül und schwer zu Muth. Denn wie passt es zu ihm, dem alten Manne, sich auf so phantastische Spässe einzulassen? Ist denn die Sache nicht heller Wahnsinn, schon weil Antonios Noth nur eine momentane ist? Fünf Schiffe hat der Mann, wie sollen denn fünf Schiffe auf einmal scheitern? Und geschieht es auch, 3000 Ducaten wird man doch aufbringen, ihn zu retten, und so wird die Bedingung nie existent . . . So überlegt er. Aber auf einmal überkommt es ihn heiss : ,,Ah, wenn er es selbst will — bin ich nicht schon all der Peitschungen und Unmenschlickeiten müde? Und ja, das Papier allein ist mir schon kostbar. Wer weiss, es gibt doch noch einen Gott der Vergeltung . . . und ein Percent, ein halbes Percent Möglichkeit ist doch vorhanden, dass die Schiffe scheitern, und dass niemand für ihn zahlen will und ich dann bleich wTerden sehe diesen Wicht ohnegleichen . . . Denn bleich werden möchte ich ihn sehen, wie die Creatur vor mir im Staube liegt und um ihr Leben bettelt und mich auf einmal ,,Guter Jude, braver Jude, mitleidiger Jude!" nennt und mit Strömen von Thränen mir diese verachtete Wuchererhand netzt ♦ . . Und wenn ich das gesehen habe — o, dann die Verschreibung zu nehmen und ihn so anzulachen und sie ihm zerrissen ins Angesicht zu werfen : Hier Unmensch, hast Du meine Rache, hier dafür, dass Du mich anspucktest, meine Percenteki . . . Und er wiegt den Kopf hin un d her, in grimmig verbissenem Lachen, die Möglichkeit vorauskostend, die er sich da ausmalt. „Ja, es ist Wahnsinn: es wird und kann ja nicht sein, es geschehen keine Wunder mehr, und fünf Schiffe auf einmal werden doch nicht scheitern . . . Allein, wer weiss, vielleicht begibt sich einmal das Wunder doch, und dann will ich lachen und Dir all die Niedertracht ins Angesicht zurückgeben . . . Du willst es so, gut! Wohlan, auf zum Notar! . . .u Meine Herren und Damen! Eine Erklärung ist richtig, wenn sie zeigt, dass sich alles vernünftigerweise so zugetragen haben kann, wie es der Dichter schildert, und nun, frage ich Sie: Habe ich gewaltsam interpretiert, habe ich verändern und streichen, Dinge wegescamotieren^ von ihrer Stelle wegrücken müssen, um zu dieser meiner Erklärung zu gelangen? Nein, nein, es ist so, wie ich sage. Shakespeare, meine Herren, war schon so gescheit wie wir und hat es ganz gut gewusst: es handelt sich nicht allein um das, was in Venedig, sondern auch darum, was in Shylocks Seele möglich ist; und da nun wiederhole ich, halten Sie es für denkbar, dass Shylock, ohne hirnverbrannt zu sein, in einem Christenstaate auf Grund eines Vertrages zu einem Pfund Menschenfleisch gelangen zu können glaubte? Hier auf dem Boden dieses Stückes selbst, wo zuerst von der Sage und dann von der ordnenden Hand des Dichters die Fäden so gesponnen wurden, dass die Sache für einen Augenblick den Schein des Ernstes gewinnt, hier lehrt ja das Ende, dass ich recht habe, wenn ich sage: was durch die Verkettung der Umstände gehäufte Bitterkeit und schreiendes Unglück später an Wuth und Trotz bis zum Wahnsinn in Shylocks Gemüth giessen, das ist eine Sache für sich; aber hier im Anfange schon

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