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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1901-04-01 · 4 (4.1901) · p. Seite 19

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
13 (1901)
Issue
4 (4.1901)
Date
1901-04-01
Page
Seite 19 (sequence 19)
Language
German
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19 — und tobst und schimpfst noch tausendmal ärger? . . . Bei Gott, es ist noch gut, dass Du mich nicht jetzt wieder mit Füssen trittst und anspuckst . . Und darauf folgt etwas, wovon die gefühl- und gedankenlose Aesthetik, von der ich anfangs gesprochen habe, und die von ihr unterrichtete Schauspielkunst wie es scheint, gar nichts weiss. Denn sie ist lebensfremd und kennt die Art Shakespeares nicht, und weiss nicht, dass es Worte gibt, die nothwendig die Begleitung von Handlungen sind, ganz so, wie Schatten und Körper zusammengehören. Was soll es denn heissen, wenn Antonio ergrimmt aufschreit: „Ich könnte Dich auch jetzt wieder treten und anspeien-1? Ist man so rasch entschieden, aus dem Worte ,,Könnt' ich ihm je an die Hüfte rühren" sofort auf eine Mordabsicht zu schliessen, so bin ich meinerseits so keck, zu schliessen : wie Antonio es sagt, so thut er es auch! Oder ist das willkürlich interpretiert? Anspucken ist ja die geringere Barbarei, ein Pfund Fleisch verlangen ist ärger: und Antonio wiederholt damit nur, was er früher öfter schon gethan hat. Und der Dichter hat dabei noch den Vortheil, dass der Zuschauer so lebendig wahrnimmt, was alles auf den Juden sich häuft, so dass er die allmählich aufsteigende fürchtei*liche Wuth begreifen lernt, die sich des Juden bemächtigt. Und was fürchtet man von dieser Erklärung? Dass ich die Welt um den Bösewicht von einem Juden betrügen werde? Aber da darf man doch getrost zuwarten: ob einer kaltblütig dem Pfund Fleisch entgegenlauert, oder ob er erst, in siedende Leidenschaft gerathen, das Pfund fordert, das macht es doch nicht. Nur dass ein kaltblütiges Scheusal ohne Tort und Noth niemals glaubhaft sein kann, während mir alles sehr verständlich wird, wenn die Bühne mir einen vor meinen Augen schmählich herabgewürdigten und in Wuth und Verzweiflung hineingehetzten Paria zeigt. Und sagt man mir, es steht nicht im Buche, so antworte ich : Habt Ihr denn das Buch Shakespeares? Sein Hand- und Regiebuch ist beim Brande des Globe-Theaters mitverbrannt, und was wir haben, sind nur Abschriften fremder Nachschreiber, die die auf der Bühne gesprochenen Worte mit ihrem flinken Griffel auffiengen, aber nicht das Spiel notierten und von den Spielanweisungen, die Shakespeare seinen Schauspielern gab, nichts wussten. Und so thut also Antonio, wie er es gesagt hat, er erhebt die Hand und trifft den Paria abermals, trifft ihn vor die Brust, trifft in das Herz . . . Ja, das ist es, in das Herz! In das Herz! In das Herz! Und da steht nun der Misshandelte, und was nun? was nun? Also auch in diesem Augenblick! Und schweigen müssen, und zur Ohnmacht verdammt sein . . . Denn wer gibt ihm Gerechtigkeit? Dulden ist das Erbtheil seines Stammes, und schlägt man ihn wie einen Hund, so muss er noch fein artig sein, denn muckst er sich, so wird es noch ärger, denn seinesgleichen werden die Knochen gebrochen, wo man sie trifft. Also was bleibt? Hierher traf er, ins Herz, ins Herz, und der Jude muss sich bücken und darf nicht einmal laut sagen: Warte, Dir werde ich zu Geld verhelfen . . . Und ein langes, bitteres, heiseres Lachen bricht aus seiner Kehle, und er schlägt sich zwei-, drei- und zehmal ans Herz. Und dann spricht er: „Hierher habt Ihr gestossen, selbst in dem Augenblicke, wo Ihr mich brauchet. . Wofür? Ich wollte Euch ohne Zinsen leihen und zeigen, dass ich nicht bin, wofür Ihr mich haltet. Ich arbeite auf Zinsen, thut Ihr es denn anders? Sind die Arbeiten Eurer Sclaven in Griechenland und Cypern nicht auch schreckliche Zinsen? Wucherer sind wir ja beide. Aber brauche ich denn die Zinsen? Ich bin reich genug, um, wenn es sein muss, auf sie zu verzichten, und das wollte ich Euch anbieten um ein wenig Wohlwollen . . . Nu. und was geschieht? Da schlagt Ihr mich ins Herz . . . Und da soll ic Ii noch Geld leihen? Nicht zu tausend Percent!;- . . Und er schüttelt den Kopf hin und her und knirscht mit den Zähnen; denn dieser Entschluss, das ist der Racheentschluss. Denn nun wird er weggehen, und der wüthende Beleidiger mag jetzt sehen, wo er Geld

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