Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 4 (4.1901)
- Date
- 1901-04-01
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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findet; ob bei seinen Mitvenetianern, vor denen er sich ja mit seiner Noll) versteckt . . . Unter den Juden aber wird es nichts sein, dafür wird schon Shylock sorgen . . . Aber er sagt es nicht; wozu auch? Mit verzerrtem Geschte lächelt er so demüthig-ironisch und unterwürfig: ..Ich nehme es hin. unterwerfe mich, nur bitte ich, lass' mich weiter aus. Denn das ist doch das Wenigste, das ich haben will, ausser . . ." Und er sinnt über irgendeiner Unmöglichkeit nach, deren blosse Nennung zeigen soll, dass es gar keine Möglichkeit mehr zur Wiederanknüpfung gibt. Nein, die Verhandlungen sind abgebrochen, ausser — wenn Antonio sich verpflichtet, was sage ich nur? Steine zu essen, einen Berg zu versetzen, oder — und die Hand am Herzen haltend, kommt ihm plötzlich der Gedanke — einen Vertrag zu unterschreiben, wie ihn nie ein Kaufmann unterschrieben hat . . . Und lächelnd und in submisser Haltung, und in den Augen verschleierten Hohn, spricht er diese Foimel der Unmöglichkeit aus, weil sie etwas vom Aug um Aug und Zahn um Zahn in sich enthält und auf Antonio nothwendig. wie ein blutiger Stich wirken muss: „Ausser . . . was weiss ich? . . , was seltener ist als alles, etwas, womit man durch ganz Europa gehen und sagen könnte: Seht her, zu einer solchen Schmach am eigenen Leibe hat sich einer, der als Millionär fabelhaft stolz war, in der Noth und um gerettet zu werden, einem armen Juden verpflichtet . . . Und wenn nicht, nicht: dann gibt es kein Geld . . Und er wartet noch einen Augenblick, dann wendet er sich mit unterwürfigem Grusse, und es wird ihm leichter in seinem Innern. Denn verstehst Du mich nun, Du zum Bettier gewordener Millionär? Jetzt bist Du verloren, das Geld kriegst Du nicht, und auf dem Rialto wird man bald erfahren, was der Jade Dir für eine Bedingung genannt hat, damit er den Finger zu Deiner Rettung rührt . . . Und damit, nicht wahr? ist ja die Sache nach vernünftigem Ermessen aus. Der Jude hat seine Rache für die voreilige und unverdiente Insulte, und was für eine Rache! Welch' ein glänzender Hohn in diesen so kühn und fein umschreibenden Worten! Und überdies Antonio in Verruf, denn ein Millionär ist bankerott, der bei einem Wucherer Geld sucht. Und kein Rückzug möglich, denn vor Bassanio, der alles mitangesehen hat, kann sich Antonio nicht mehr aufs Bitten und Beschwichtigen verlegen — und das Wort ernst nehmen? LächerlichI . . . Abgesehen davon, dass es wirklich Schmach ist. Wenn einer gefallen ist, so tödtet er sich, springt ins Wasser, das ja nicht überall seicht ist. Aber sich mit seinem Körper verbürgen, wie ein erbärmlicher Sclave im alten Rom. das ist Wahnsinn . . . Und so sieht also dieser hochmüthige und aus Xoth doppelt aufschneiderische Unglücksmensch, wie sehr er den Bogen überspannt und vergessen hat, dass der Jude ein Mensch ist, in dem. wenn auch unter anderen Formen, das Gefühl sich ebenso lebendig regt, wie in jedem anderen. Und noch mehr: Hier steht der Freund, dem er helfen wollte — wie hat er ihm geholfen? Hier steht er voll stummer Vorwürfe, denn nicht umsonst sagte ich anfangs, dass er dem Vater der Porzia gefiel. Hier steht er. als einer, der das Unrecht fühlt und Mitleid hat mit der armen Creatur. die man zur Einleitung einer Bitte schlägt und anspeit. Und nun ist er totenbleich, um alle Hoffnung gekommen: vorbei der Gedanke an Belmont, durch Antonios Leidenschaftlichkeit vorbei . . . Aber der Italiener ist elastisch; eh, wer wird denn alles zu tragisch nehmen? Vorwärts, fürchte nichts Bassanio! Das Ding sieht nachtschwarz ausy wenn ich dazu ein Grabesgesicht mache, aber es wird zum gottvollen Spass, wenn der Millionär einst lachend erzählen wird, wie er einen Juden auskostete. Und in scheinbarem Uebermuthe ruft Antionio schliesslich: „Bravo, das ist Abwechslung im Einerlei! Vorwärts zum Notar, zur Abfassung eines solchen Vertrages!" (Schluss folgt.)