Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 4 (4.1901)
- Date
- 1901-04-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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17 ^euilletoi). Dreihundert Jahre Shylock-Schimpf. Vortrag, gehalten am 5. Jänner 1901 in der „Oesterr. Israelit. Union" von Adolf Gelber. (Fortsetzung.) Und wer wird für solch ein allgemeines Leiden, wie sie die Parias in Indien heute noch tragen, im Gange des Alltäglichen gleich den Dolch und Revolver ziehen? Ich habe gesehen, ein Kind schlägt den Tisch, an dem es sich gestossen, aber es ist mir noch nicht vorgekommen, nicht einmal in den „Fliegenden Blättern", dass ein Erwachsener nach dem Löwen schlug, dem er in der Wüste begegnete, oder dass er seine Faust gegen den Wolkenbruch erhob oder in den Bergen gegen den niedersausenden Fels. Denn das sind ja Elementargewalten, Naturnotwendigkeiten, denen man sich beugt, wenn dabei auch das Herz gegen den Himmel murrt, und war das, was da dem Juden gegenüberstand, nicht auch eine Elementargewalt? Gebildete Menschen, gebildete •Christen, mit Dichtern, die alles Süsse besangen, und einer Religion, die mit dem Gebote der Liebe anhub — und der Jude wurde gebrannt, gehetzt, verfolgt und im Augenblicke der Bitte selbst von dem Bittenden gestossen und verachtet — war das keine Elementargewalt, gegen die man ohnmächtig war? Und da sollte einer, wenn er von einem Christen sagte : „Könnte ich ihm an die Hüfte rühren!" gleich daran gedacht haben, ihn schlau in einem tödtlichen Netze zu fangen? Ach Gott, der Sinn ist ja so klar; höchst wahrscheinlich haben Millionen und Millionen Menschen im Laufe des Mittelalters dieselben Worte gesprochen, und man kann sie noch heute aus dem Munde eines jeden Unterdrückten hören: „Ach, wenn ich in die Lage käme, wie würde ich Dich es fühlen lassen, da solltest Du mich zu spüren bekommen, mehr als andereu . .. Denn diese Worte sind ein Naturlaut, so allgemein wie die Luft und wie das Herzeleid, und wie die Unterdrückung, und wie die Sehnsucht nach Vergeltung unter den Menschen. Es ist dies der Naturlaut, der überall zuhause ist, unter allen Himmelsstrichen, bei allen Völkern. Und ich bitte sich auch vorzustellen : welchen Sinn sollte es im Jahre 1500 oder 1600 für einen Juden haben, sich zu sagen: Jetzt hat mich einer schief angesehen, und dafür will ich es auf sein Leben anlegen, und zwar in torm Rechtens . . . Vor welchem Rechte konnte ihm sein Plan durchführbar erscheinen, da es sich um einen Christen handelte? Das vorliegende Stück documentiert dies ja am besten, die Sache ist unausführbar, selbst wenn ein Richter die Verzweiflung kennt und berücksichtigt, zu welcher Shylock getrieben wurde; und nun hätte er gar so wahnsinnig sein sollen, auf eine Erfüllung zu speculieren,-zu einer Zeit, wo er noch lange nicht verzweifelt war und keinen Rechtstitel für seine alle Dämme niederreissende Wuth hatte, und wirklich nichts sonst haben konnte, als einen papiernen Schein? Wenn also heute ein Staatsanwalt gegenüber einem Angeklagten aus den Worten : „Du sollst mich zu spüren bekommen", sofort die Absicht zu