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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1901-04-01 · 4 (4.1901) · p. Seite 9

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
13 (1901)
Issue
4 (4.1901)
Date
1901-04-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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9 kommt ja auch thatsächlich vor, dass ein und derselbe Artikel nach den besonderen örtlichen Verhältnissen der einen Staatsanwaltschaft gemeingefährlich, der anderen unbedenklich erscheint. Nicht der Buchstabe des Gesetzes allein, sondern das freie Ermessen aller begleitenden Umstände im Zusammenhange mit dem Wortlaute des Gesetzes muss für solche Amtshandlungen die Richtschnur bilden. Die Gefährlichkeit und Strafbarkeit der erwähnten Notiz wird erhöht durch den Zeitpunkt ihres Erscheinens. Die bisherige Erfolglosigkeit der Nachforschungen nach dem Mörder von Könitz, das Urtheil des Piseker Schwurgerichtes gegen Hilsner, welches noch der Ueberprüfung durch den Cassationshof harrt, sind von bekannter Seite zu einer wilden Ritualmord-Hetze ausgebeutet worden. Die ungebildete Menge ist tief erregt von der Vorstellung, dass die Juden zur Österzeit Christenblut zu rituellen Zwecken benöthigen. Die unausgesetzte Wiederholung dieser Verleumdung in offener oder halbverhüllter Form ist nur zu sehr geeignet, zu Feindseligkeiten wider die jüdische Religions - Gesellschaft aufzureizen. Der formalistische Einwand, dass hiebei die jüdische Religions - Gesellschaft ausdrücklich als solche genannt sein müsse, kann unmöglich für stichhältig erachtet werden. Angesichts der imminenten Gefahr, welche mit der Weiterverbreitung der beiliegenden Zeitungstiummer oder dem Nachdrucke der erwähnten Notiz verbunden ist, bitten wir Euer Excellenz, ungesäumt auf telegraphischem Wege die k. k. Staatsanwaltschaft Leitmeritz zur Beschlagnahme der Nr. 17 der „Deutschen Volkswacht" vom 27. Februar d. J. veranlassen zu wollen. Wien, am 2. März 1901. Euer Excellenz in Ehrerbietung ergebene „Oesterreichisch - Israelitische Union : Der Leiter des Rechtsschutz-Bureaus: Der Schriftführer: Der Präsident: Fleischer. Dr. Zins. Ruzicka. Der Minister empfieng die Deputation in liebenswürdigster Weise, und sagte die Erfüllung des vorgebrachten Anliegens zu. Die erwähnte Notiz war auch in der „Dresdener Wachitf erschienen. Der jüdische Theil der Dresdener Bürgerschaft war über diese freche Ruchlosigkeit empört und hielt mit dem Ausdruck seiner sittlichen Entrüstung nicht zurück. Grosse Genugthuung empfindet man nun darüber, von massgebender Seite öffentlich bezeugt zu sehen, dass der beste Theil der christlichen Bewohnerschaft Dresdens diese Entrüstung theilt. Kein Geringerer als Herr Ober-Consistorialrath D. Dibelius, Superintendent, Pastorprim. an der Kreuzkirche, richtete am letzten Busstage in der etwa 5000 Personen fassenden, überfüllten Hauptkirche Dresdens an die christliche Bussgemeinde ungefähr folgende Worte: „Eine der Hauptsünden ist der Hass, der sich auch als politischer Hass geltend macht. Ich denke auch besonders an den Hass, der noch viel schlimmer ist und in letzter Zeit immer stärker hervortritt. In diesen Tagen hat ein hiesiges Blatt einen Artikel gebracht, durch den sich die jüdische Gemeinde tief gekränkt fühlt,

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