Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 3 (3.1901)
- Date
- 1901-03-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9756662-9602173-9602220--0066-9602237- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
17 einem Vogel Greif, mit dem Geiste Dschardscharis spielen; nur eines vermag sie nicht: sich vorzustellen, dass auch ein Jude so vermessen gewesen wäre, sich nach Belmont zu wagen. Denn das ist einfach absurd. Portiere sind bekanntlich nicht höflich, aber der Portier von Belmont wäre schon für geistesabwesend gehalten worden, wenn er nur gesagt hätte: „Hinaus, denn Du bist ein Jude, und wärest Du der Beste, Du gehörst nicht hierher, denn Du bist kein Christ." Da fügte es also, wie gesagt, die Intrigue oder die innere Stimme, oder worin Sie nun den letzten Anstoss suchen wollen, dass sich Bassanio — der einzige, wie ich hinzufügen will, der Porzia wirklich liebte — zur Mitbewerbung entschloss. Allein es fehlte ihm an den Mitteln; thu' Geld in Deinen Beutel, heisst es ja auch beim Werben : und da wandte er sich an einen Freund, Antonio, einen vom Kaufmannsstande, und zwar ebenfalls einen Millionär, der Freude an dem jungen Edelmanne und dessen Umgange hatte und dieser seiner Gesinnung auch schon wiederholt Ausdruc-k gegeben hatte, denn er war nie sparsam, wenn es galt, den jungen Cavalier aus seinen Nöthen zu ziehen. Aber in der letzten Zeit war mit ihm eine merkwürdige Veränderung vorgegangen. Dieser von den Sorgen der Ehe nicht geplagte und in heiterer Gesellschaft sich wohlfühlende Gönner und Freund des blendendsten Edelmannes von Venedig, dieser temperamentsvolle und starke Mann, der als Kaufmann so energisch dazusah, war auf einmal melancholisch geworden — und niemand wusste den Grund. Freunde stellten ihn zur Rede, fragten nach der Ursache — und ich bitte, verehrte Damen und Herren, nicht zu glauben, dass wir jetzt auf hohes dramatisches Gebiet gerathen; nein, sondern wir verbleiben auf dem Gebiete der kleinlichsten, gewöhnlichsten Alltäglichkeit. Nämlich Antonio versichert, nicht zu wissen, woher seine Stimmung kommt, und da bemerkt ein Freund, wie wir in ähnlichen Fällen es auch thäten, wann wir den Patienten um jeden Preis beruhigen wollten dass doch kein Anlass, sagen wir: einen Arzt zu consultieren, vorhanden sei. Durchaus nicht. Antonios psychische Verstimmung erklärt sich ja so einfach! Hat er nicht Anlass zu Sorgen? Soundso viele Schiffe schwimmen ihm auf hoher See — muss das nicht nervös machen bis zur Reizbarkeit? Wie, wenn ein Unfall passiert, wenn ein Schiff an ein Riff stösst oder ein Leck bekommt und scheitert oder von Corsaren überfallen wird . . . Und wie Salerio so spricht, verfärbt sich der Melancholiker, beisst die Lippen zusammen, schweigt, und verfärbt sich wieder; aber die aus den Reihen der Jeunesse d'oree hervorgegangenen Freunde bemerken dies in ihrer Naivetät nicht; und der zarte Solario fühlt gar nicht, dass er dem Manne sozusagen den Dolch in der Wunde umdreht, wenn er diese Art, Schmerzen auszureden, aufnimmt und nun seinerseits ausmalt, wie er als Schiffsherr immer und überall, beim Löffel Suppe und beim Gang in die Kirche, an Orkan, Riffe und Untergang denken würde — und der Melancholiker schweigt! Aber schliesslich nimmt er doch das Wort und sagt: Nein, es können doch nicht fünf Schiffe gleichzeitig scheitern! Und ist denn sein Vermögen auf die Schiffe allein gestellt? Auf festem Boden ist wahrlich auch noch anderes da! . # . Und diese Erklärung ist sehr wichtig, denn wenn man auf dem Rialto vernimmt dass das ganze Gut schwimmt und Antonio bereits verstört und unruhig ist, was wird man sagen? . . . So aber ist die Firma aufrecht und nur der Mann unter die Melancholiker gegangen, und nur wenn einer infolge Bankerotts schwermüthig wird, entweicht das Mitleid und kommt die Kritik der reinen Vernunft. Und so ist also alles gut, die beiden Freunde scheiden, und es erscheint Bassanio mit einer Bitte — mit der Bitte, ihm ein letztesmal zur Ausrüstung nach Belmont 3000 Ducaten zu leihen! . ♦ . Und siehe da, was geschieht? Etwas, was doch merkwürdig ist: und wenn ich Dramaturg wäre, würde ich es sichtbar werden lassen, denn auf der Bühne spricht zu dem Zuschauer nicht bloss das Wort, sondern auch der Vorgang, dessen Zeuge wir sind, so dass wir wahr-