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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1901-03-01 · 3 (3.1901) · p. Seite 14

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
13 (1901)
Issue
3 (3.1901)
Date
1901-03-01
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
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14 a, man war nicht wählerisch in jenen Tagen, man war unparteiisch und verbrannte nicht nur Juden, sondern auch Christen, und nicht nur wegen offenbarer Verbrechen, sondern wegen ganz anderer Dinge. Es war eine Welt, in der die Marterungen aller Art, je schauerlicher, desto mehr, zum von Herren und Damen ersehnten Schaugepränge gehörten. Den Menschen von heute stehen die Haare zu Berge, wenn sie hören, dass einmal ein Ungläubiger ein Pfand Fleisch aus dem Leibe seines Schuldners verlangte: die Vorfahren dieser Menschen, nicht wahr? kannten das alles nicht. Kurz und gut. sie lebten in der besten aller Welten und machten aus der Erde ein Paradies. Und da gab es nun. sage ich, einen Edelmann, dem diese beste aller Welten keine Freude machte und alles Thun und Treiben in dieser blutrünstigen Wildnis ein schauerlicher Greuel war. Es war die Zeit des Cinquecento, wo auch schon aus dem Osten her ein Strom von Gesittung und Bildung herüberzukommen begann. Alte Bücher wurden herübergebracht, marmorne Statuen hatten sich aus ihren Gräbern wieder erhoben, und wie mancher andere Nobile, verliebte auch er sich in diese Marmorgebilde, die kein Leben hatten, aber den Traum eines besseren Daseins vorzauberten. Ich stelle mir gerne vor: vielleicht war es einer, der mit Galilei dachte oder vielleicht den Macchiavelli gehört hatte und etwas von dem Geiste Friedrichs II. in sich hatte, der ein grosser Heide gewesen war: und so wendete er sich ab von der im Blute ertrinkenden Scheinfrömmigkeit jener Zeit und jener schaudererregenden Civilisation und jener greulichen Staatsweisheit; und obwohl selbst einer der millionenreichen venetianischen Herren, liess er Venedig Venedig sein, zog sich auf einen einsamen Sitz tief im Lande zurück, nach einem Schlosse, Belmont, das keine Schlachten sah und keine Geschäftläden, hatte und wo er nun ein Leben dahinlebte, von dessen Augenblicken er keinen auf die Jagd nach den silbernen und goldenen Kästchen des Glückes, keinen auf die Suche nach Macht und anderen blutigen Paradiesen verschwendete. Und ich zweitle, ob er sich je, mit seinen Gedanken und Träumen und mit seiner Tochter Porzia aliein, langweilte. Er war sicherlich, obschon es noch keinen Cook gab. nach der Sitte der Zeit durch Europa gereist, hatte an Höfen geweilt und die richtige Schätzung gewonnen für alles, was da äusserlich blendet und prunkt. Denn überall hatte er denselben alten Adam mit dem nie sich entkrustenden Herzen gesehen. Bis er auf einen traf, der ihm auffiel, wTeil alles an ihm eine so anmuthige, bescheidene und ihrer selbst noch unbewusste Menschlichkeit kundgab — es war ein armer und unscheinbarer Edelmann namens Bassanio. Der war kein Star, er spielte die zweite Geige, als er denen von Belmont zum erstenmale zu Gesichte kam. In Gesellschaft eines Grandseigneurs. des Marquis von Montferrat, war er gekommen und hatte keinen Ruhm, keinen grossen Namen, keine stolzen Würden und Bestrebungen mitgebracht — ja nichts, als sein gutes frohes Gesicht und seine freundlichen Augen, und in allem Liebenswerten etwas Klares und Gerades, was tiefes Vertrauen zu ihm gab. Seine Rede hatte so gar nichts Grosses, aber nichts darin war schal, in jedem Worte eine besonnene Redlichkeit und Güte, und in allem sprach sich ein erquickend einfaches, ungesuchtes und ungekünsteltes Wesen aus. Und da entspann sich denn der Roman. Wovon sprach man? Von Welt und Menschenwert und Menschen, und der alte Edelmann von Belmont sah da nun einen von den Jünglingen, die Shakespeare liebt und mit so tiefer Innigkeit ausmalt : einen aus dem Geschlechte der Orlando und Romeo, einen minder feurigen und übermüthigen und genialen, aber nicht minder redlichen Charakterverwandten des jungen Prinzen Heinrich. Ja, da war einer, der nicht Doge, noch Connetable, noch Politiker werden wollte, und der weder Schiffe auf dem Meere hatte, roch in Dalmatien, Giiechenland und Cypern die Ungläubigen zu Haufen hingeschlachtet hatte; und da stiegen in Her alten Seele Gedanken an den Tod auf, und sie begann zu fragen : Wie sichei'e ich. wenn ich nicht mehr bin, meinem einzigen Kinde dns Glück?

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