Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 3 (3.1901)
- Date
- 1901-03-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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13 rühmten ersten Scene vorhergeht, und das ist der Umstand, dass schon zu der Zeit, in der das Stück spielt, so mancher in Venedig lebte, der Augen hatte für die Verderbnis und die Schäden der Zeit und die Niederungen, in denen dei Geist jener Zeit dahinlebte. Da war ein Edelmann, der keine Freude fand an dem öffentlichen Leben seiner Heimatstadt. Sie kennen ja aus der Geschichte das öffentliche Leben jener Tage. Wir in Oesterreich tragen noch Spuren davon, in Dalmatien, Li den schauderhaft ausgerodeten Wäldern, und das ganze Karstgebiet entlang. Wer hat uns diese Erbschaft zurückgelassen? Die venetianischen Aexte haben dabei mitgethan; es ist alles menschenleer, kahl und ausgeraubt; und wenn Sie in Griechenland die zerschossenen Säulen des Parthenon und andere herrliche Architekturen sehen, glauben Sie ja nicht, dass dies allein das Werk der Gallier ist, die da wütheten, bevor sie Christen wurden, oder dass die Türken allein es gethan haben in ihrem mohammedanischen und aller Civilisation feindlichen Unverstand. Nein, nein, die Geschichte hat es verzeichnet: es waren auch christliche und speciell venetianische Kugeln und Schwerter dabei. Denn Venedig, das war ein Staat mit einer tüchtig ausgebildeten Händlermoral. Ihm war der Vortheil oberstes Gebot, und wenn es einen anderen in seinen Fängen hatte, dann sog es ihm das Blut aus den Adern — unbeschadet aller sonstigen ästhetischen Cultur. Wir verbreiten heute in China das Christenthum und exportieren dahin Opium und hundert andere Waren, und als man noch in der Zeit der Kreuzzüge stand, haussierte man auf der venetianischen Börse auf den Ausbruch von Kriegen hin, die in Constantinopel wütheten, und zwar nicht zvyischen Türken und Christen, sondern zwischen Christen und Christen — denn es gab ja dort noch keinen Islam. — Man leistete allen Parteien Dienste, brachte bewaffnete Succurse jedem, der da zahlte; wie es heute einen Oesterreichischen und Norddeutschen Lloyd gibt, so gab es damals einen in Venedig, dem die Truppenverschiffungen reiche Profite abwarfen, und bei dem also der bare Nutzen höher als die christliche Gesinnung notierte. Und das war also eine Vielpercentigkeit, gegen welche diejenige unserer vielpercentigen Herren geradezu zwergenhaft erscheint. Aber, wie gesagt, in der Heimat selbst, auf venetianischem Boden, war es anders, da war diaMoral zuhause und erschuf ein wahres Culturparadies mit Menschen, die nur in Sammt und Seide giengen, mit einer unvergänglichen Heiterkeit, die den Carneval schuf, mit allem Farbenjubel, allem Malerischen, allen Stätten, in denen man der holden Idee der Kunst diente, und all den herrlichen Palästen, in deren Kellergewölben Ihnen heute noch jeder Cicerone die unterirdischen Kerker zeigt. Da führte man einen über die Seufzerbrücke, und es öffnete sich eine Klappe, und der arme Sünder, ob nun Verbrecher oder nur unbequemer politischer Gegner, stürzte — Köder für die Fische — in die Tiefe, und gerettet waren das Recht und der Staat. Mit dem Papste stand man im Punkte des Christenthums gut, im Punkte der Politik meist sehr schlecht. In manchen Epochen vergieng kaum ein Jahrzehnt, wo der Senat nicht drei- oder viermal unter dem päpstlichen Interdict stand. Man war Macchiavell gegenüber dem Papst, zuweilen war der Papst Macchiavell gegenüber dem Senat, und so gieng es fort. Aber selbstverständlich betraf das alles die Gesinnung im Punkte der Religion nicht; in diesem Betrachte hielt sich Venedig unentwegt rein und zündete, wenn es um die Dinge des Jenseits gieng, Scheiterhaufen an, ohne nach den Erwägungen des Diesseits zu fragen, und liess so manchem Delinquenten ebenfalls die Haut vom Leibe schinden, die Nägel zwischen den Daumschrauben zusammenpressen, die Zähne, einen nach dem anderen, herausziehen oder die Leiber auf spitzige Pfähle werfen, sie auf das Rad flechten, sie langsam im eisernen Ofen rösten und wie das alles sonst noch durch soviele Jahrhunderte die Methode war. Wir in Oesterreich participierten ja auch daran; nicht weit von Wien, in Wiener-Neustadt, wurden ungefähr in derselben Epoche unter Kaiser Albrecht, ich glaube tausende von Juden verbrannt. Und man weiss es