Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 3 (3.1901)
- Date
- 1901-03-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Und sie wissen es ja überhaupt: wenn einer schon nichts zu sagen weiss und man sich auf neutralem Boden, bei einem Glase Wein oder im Eisenbahn-Coupe findet, dann kehrt man gern den Objectiven hervor, der unangekränkelt ist von dem Contagium der Zeit, und dann sagt man gewöhnlich seinem jüdischen Sitznachbar: „O, ich bin objectiv, ich trage keinen Hass in mir, ich anerkenne alles Menschenrecht, o, ich weiss es, Du speciell bist, trotzdem Du Jude bist — und immer ist es der einzelne, der so speciell ausgenommen und moralisch höher gestellt wird - gewisser Dinge ebenso wenig fähig als ichu. — Aber immer folgt auf diesen typischen Vordersatz der Nachsatz, die heute zum literarischantisemitischen Arsenal gehörige Phrase: „Merkwürdig ist aber doch, dass Shakespeare, der doch weltkundig war und auch die Augen eines Menschenkenners hatte, die Figur eines Shylock aufgestellt hat, die so typisch und unvergänglich ist und ausgezeichnet mit allen Merkmalen ner Wirklichkeit und wahrsten und vollkommensten Lebendigkeit!? Jedem von Ihnen, geehrte Herren, sage ich. wird es schon einmal so gegangen sein, im Tramwayvvaggon. in der Sommerfrische, im Literatur- Salon, oder nach einer Vorstellung des „Kaufmanns von Venedig". Ich wäre darum glücklich, wenn ich Ihnen die Möglichkeit geben könnte, klarer in der Sache zu sehen, so dass man nicht immer beschämt dastehen und sich sagen muss: „Was soll ich darauf antworten44? Aber indem ich das sage, muss ich noch etwas anfügen. Ich, verehrte Damen und Herren, habe keinen grossen, aber doch einen redlichen Namen zu verlieren, von dem ich sagen kann : er ist von mir bis auf den heutigen Tag, wissentlich wenigstens, nie befleckt worden. Glauben Sie mir nun, dass ich mit meiner ganzen literarischen Ehre einstehe für das, was ich sage. Und das heisst: nicht darin erkenneich meine Aufgabe, an Shakespeare so herumzuinterpretieren, bis etwas für uns Günstiges herauskommt, sondern es ist meine redliche kritische Ueberzeugung, dass ich ihm und seinen Absichten gerecht werde mit meiner Interpretation. Und das erste Wort dieser meiner Ueberzeugung muss ich gegen die Art, wie bisher das kritische Geschäft betrieben wurde, richten. Denn wollen Sie mir glauben, es ist nicht Leichtfertigkeit^ wenn ich sage: Selten hat es sich so deutlich wie im Shylock-Falle gezeigt, wie verhängnisvoll und verderblich jene Art der Betrachtung und' Auffassung literarischer Werke ist, welche immer nur bei der Classicität der Form verweilt und alles nur ästhetisch nimmt und mit Generaleindrücken über die Handlungs-, über die Thatsachen-Elemente einer Dichtung hinweggeht, indem sie sagt: Wer wird sich denn um das Detail bei dichterischen Erzeuenissen kümmern? Wenn man die Juden schon politisch gehörig geklopft hat, dann nimmt man, wie gesagt, in den Ruhepausen auch noch das dünne Peitschchen her, welches sich „Shylock* nennt, und nennt es „Beweismoment", um damit weiter zu peitschen; und trotz alledem schwimmt die Art Betrachtung literarischer Kunstgebilde, welche seit ungefähr 100 Jahren in Deutschland geübt wurde und noch gegenwärtig geübt wird, in Aesthetik und gibt sich nicht die Mühe, zu analysieren, ob dieses „Beweismoment" auch wirklich beweisend ist? Die Shylock-Sache fängt nämlich vor allem nicht dort an, wo die Kritik sie beginnen lässt. Der Dichter freilich wählt den Ausgangspunkt seiner Handlung nach gewissen Rücksichten, die er dem Interesse der eigenen Sache, dem Interesse der möglichsten dramatischen Wirkung oder oft auch der Idee seines Werkes schuldet. Aber für den Erklärer und den, der der Sache nachdenkt, bietet sich die Knospe anders dar, nicht mehr im geschlossenen Zustande; oder, um ein deutlicheres Bild zu gebrauchen, die Leinwand rollt sich zum historischen Bilde auf, und aus dem Drama wird das Nacheinander des Epos, der Erzählung. Und so hat auch hier die Sache irgendwo an einem Punkte angefangen, der noch vor dem Augenblicke liegt, wo der Kapellmeister mit dem Taktstocke abklopft und die Glocke des Inspicienten das Zeichen zum Aufgehen des Vorhanges gibt; ja, die Sache fängt bei etwas an, das der be-