Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 3 (3.1901)
- Date
- 1901-03-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Zeitfragen von der Höhe des Zeitgeistes herab anzusehen und zu beurtheilen, anstatt sieh zu sagen, dass der Antisemitismus eine Erscheinungsform des weltbewegenden Kampfes zwischen Fortschritt und Rückschritt, ein Product der allgemeinen socialen und nationalen Gährung ist, welcher gegenüber die Juden ohnmächtig sind, fassen ihn viele unter ihnen unter dem bornierten Gesichtspunkte der Confessionalität und des Sonderinteresses auf und versuchen es, ihm mit kleinen Mitteln beizukommen. Als ob man einen grossen Brand mit Handspritzen löschen könnte! Die Emancipation der Juden war eine Frucht der Freiheitsbewegung des 48er Jahres, und sie liegt derzeit mit der Freiheit darnieder; und ebensowenig, als sich die Juden damals allein geholfen haben, ebensowenig vermögen sie dies heute zu thun, wie begieiflich auch der Versuch der Selbsthilfe »erscheint, und wie nützlich sich derselbe auch in manchen Stücken erweist. Am 18. März 1848 hielt der berühmte Kanzelredner M a n nh e i m e r anlässlich eines Dankfestes, welches die Wiener Judenschaft für die Bewilligung der Constitution veranstaltet hatte, eine Rede, welche sich in der Hauptsache mit dem Gesagten deckt, und deren markanteste Stellen lauten: „Aber kein Wort, kein Schritt für uns! Keine Petitionen, keine Bittschriften, keine Bitten und Klagen um unser Recht; wir haben genug 30 Jahre lang gebeten, fussfällig die Hände erhoben! Nichts mehr davon! Wir nehmen und tragen jetzt unser Geschick, erheben nicht eine Hand für unser Recht! Erst das Recht, als Mensch zu leben, zu athmen, zu denken, zu sprechen! Erst das Recht des Bürgers, des edlen, freien Bürgers in seiner Berechtigung, in seiner würdigen Stellung — nachher kommt der Jude. Man soll uns nicht vorwerfen, wir denken immer und überall und zunächst an uns. Wir sind die Leidenden in jedem Falle; wo die rohe Gewalt einbricht, bricht sie gegen uns ein, wo die Gewalt der Herrschaft reagiert, reagiert sie gegen uns. Alle Beschränkung über uns, alle Ausschliessung über uns! Thut nichts! Auch unsere Zeit kommt und bleibt nicht aus!" Klingen diese herrlichen Worte, allerdings mit gewissen Einschränkungen, welche durch die veränderten Verhältnisse geboten sind, nicht so actuell, als wären sie gestern gesprochen worden? Lebte Mannheimer noch, er stünde gewiss nicht auf Seite der jüdischen Ultramontanen und National-Radicalen! Gewiss! Die Noth, sei sie nun physisch oder moralisch, regt die Phantasie der von ihr Betroffenen an und auf und lässt sie an Dinge glauben, welche der nüchterne Verstand abweist! So glauben die wirtschaftlich bedrängten christlichen Mittelclassen im Antisemitismus ihr Heilmittel gefunden zu haben, wie die Juden theils der Phantasmagorie eines Neu-Judäa nachjagen, theils als jüdisch-politische Partei zu Felde zu ziehen versuchen. Beide aber irren gewaltig; denn so wenig man die Juden verdrängen kann, ohne den Staat den schwersten ökonomischen Gefahren und Erschütterungen auszusetzen, ebensowenig können