Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 3 (3.1901)
- Date
- 1901-03-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Jüdische Reaction.*) Während man bisher der Meinimg war, dass in Oesterreich die politische Durchschnitts-Intelligenz der Juden grösser sei, als die der Christen, beweist die durch den Antisemitismus erzeugte Bewegung der jüdischen Geister, dass diese Annahme eine irrige war. Gleichwie die materielle Nothlage der christlichen Mittelstände von den Reactionsparteien mit Hilfe ehr- und gewinnsüchtiger Streber dazu benützt worden ist, die Geister zu verwirren und sie den Zwecken der Reaction dienstbar zu machen, so wird die unter den Juden als natürliche Folge dos Antisemitismus reichlich vorhandene Kränkung und Verbitterung von Schwärmern, Fanalikern, Obscuranten und Strebern dazu missbraucht, einen Atavismus grosszuziehen, welcher, indem er die Juden in die Gedanken- und Gefühlswelt vergangener Zeiten zurückführt, sie ihren wahren politischen Zielen entfremdet und in ihnen unerfüllbare Hoffnungen erweckt. Das gilt wohl nicht von allen Juden, leider aber von einem grossen Theile derselben, denn es geht seit langem schon ein unverkennbarer innerer Riss durch die Judenschaft, welcher durch Besitz und modernes Denken erzeugt und von der Noth der Zeit nothdürftig verkleistert ist. Es ist wahr, die moralische Nothlage der Juden ist gross. Darüber kann aller äussere Glanz, können alle Verleihungen von Orden und Titeln nicht hinwegtäuschen. Was nützt es, dass man die Juden einerseits mit Würden schmückt, wenn man andererseits ihre wertvollste, die Menschenwürde, ungestraft mit Füssen treten lässt? Die heutigen Zustände erinnern lebhaft an die vormärzlichen, welche Börne in einem seiner Wiener Briefe geisselt, indem er erzählt, dass die Juden wohl mit „Herr von" tituliert, aber deshalb nicht weniger missachtet werden. Im gesellschaftlichen Verkehre eingeengt, vom nationalen Leben so viel wie ausgeschlossen, in ihrem Berufsleben vielfach gehindert, suchen die Juden von heute im confession^llen und — soidisant — nationalen Zusammenschlüsse Stütze und Stab, an welchem sie ihre gedrückten Gemüther erheben können. Allein dieser Zusammenschluss soll und darf nicht ins Reich der Utopie führen, wie dies bei einzelnen Bewegungen der Fall ist, oder in Härte und Ungerechtigkeit seinen Ausdruck finden, denen man heute vielfach innerhalb der Judenschaft ihren Vertretern gegenüber begegnet. Der alte Erfahrungssatz, dass gleiche Ursachen gleiche Wirkungen erzeugen, findet eben auch hier seine Bestätigung. Anstatt ihre Lage im Zusammenhange mit den grossen *) Wenn wir auch nicht in allem dem Standpunkte des verehrten Herrn Einsenders beizupflichten in der Lage sind, wollen wir es uns doch nicht versagen, die Ansicht eines angesehenen, der Judenschaft zur Ehre gereichenden Mannes unseren Lesern zu vermitteln. D. R.