Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 2 (2.1901)
- Date
- 1901-02-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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9 galizischen Juden. Auch sie sind durch die jahrhundertelange und noch jetzt währende Unterdrückung entschuldigt. Aber auch bei ihnen darf die Folge nicht geleugnet werden. Sie sind noch die Schutzjuden der Stanczyken und lassen sich von ihnen zu allem gebrauchen und missbrauchen. Redner zeichnet die Verschiedenheiten der Erziehung, welche die weibliche und die männliche Jugend in Galizien gemessen. D^^^Knabe wird in das Cheder, das Mädchen in die öffentliche Schule entsendet, zwischen beiden öffnet sich eine geistige und culturelle Kluft, welche von verhängnisvoller Tragweite ist. Ich will Ihnen hiefür einen vollen Beweis führen. Unter den Vätern, welche imstande waren, ihr Kind vom Kloster wieder zu erhalten, befindet sich insbesondere der Kaufmann Philipp aus Prag. Die „Oesterreichisch-Israelitische Union" hat sich an ihn mit der Bitte gewendet, ihr die Geschichte seiner Tochter mitzutheilen, In seiner Antwort schreibt Ph i 1 i p p : „Meine damals im Alter von 15V2 Jahren stehende Tochter lebte bei ihrem Grossvater in Lemberg, einem fanatischen, hartherzigen geizigen Juden, der das Mädchen schlecht behandelte und ihr mittheilte, dass er sie auch an einen frommen Mann, wie er sei, verheiraten werde. Diese ihre traurige Lage hat meine Tochter in der christlichen Schule, die sie besuchte, ihren Mitschülerinnen mitgetheilt, die sie bewogen, in der Kirche Zuflucht zu suchen. Sie führten sie hin und sie wurde nicht mehr freigelassen. Die galizischen Zustände sind die zweite Ursache unserer Fälle; die dritte besteht in dem verhängnisvollen Umschwünge des öffentlichen Geistes, der seit den Achtzigerjahren in Oesterreich eingetreten ist und sich in der letzten Zeit wesentlich verschärft hat, in dem Auftriebe des Clericalismus. Wir können seine wachsende Macht täglich verfolgen. Er hat Niederösterreich erobert und erobert jetzt die fortschrittlichen Parteien durch den nationalen Streit.- Schon hat der verfassungstreue Grossgrundbesitz in Tirol mit den Clericalen ein Compromiss geschlossen. Schritt für Schritt, Paragraph für Paragraph gehen die Errungenschaften der fortschrittlichen Zeit durch den alles erdrückenden Clericalismus unter. Der Mädchenraub in Galizien zu Bekehrungszwecken war stets ein Massstab für seinen grösseren oder geringeren Einfluss. — Im Jahre 1867, der Zeit der Staatsgrundgesetze, ergiengein Ministerialeiiass vom 6. November: „Das Abgeordnetenhaus des Reichsrathes habe mit Beschluss vom 29. October den k. k. Ministerien für Justiz und Cultus empfohlen, dahin zu wirken, dass minderjährige Mädchen, oder Frauen, welche ihren Eltern oder Ehegatten entlaufen sind, nicht in den Nonnenklöstern festgehalten oder dort vom Verkehre mit ihren Angehörigen abgeschlossen werden. Die Gerichte werden demnach angewiesen, in Fällen der bezeichneten Art, in welchen die gerichtliche Hilfe namentlich auf Grund der §§ 92, 93 und 145 A. B- G. B. angerufen wird, nach dem Gesetze mit der möglichsten Beschleunigung amtszuhandeln, insbesondere in jenen Fällen, in welchen eine strafbare Handlung nach den §§ 93 und 96 St.-G. begründet sein sollte. „Dagegen erflossen in den Jahren 1883 und 1885, der Zeit der Schulgesetznovelle und der clericalisierenden Entscheidungen des Verwaltungsgerichtshofes