Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 2 (2.1901)
- Date
- 1901-02-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9756662-9602173-9602199--0036-9602207- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
s brauche, um ihren Liebsten zu erhalten — und die Bekehrung ist vollbracht. Das ist die eine Ursache, aus welcher die Mission in Oesterreich guten Boden findet; auf halbwüchsigen Kindern baut sie ihr Reich. Die zweite ist noch weit wichtiger; sie besteht in den galizischen Zuständen. Die Herrschaft der Schlachta, welche die Reincultur des clericalen Feudalismus darstellt, hat diesem unglücklichen Lande seinen Stempel aufgedrückt. Formgewandt, diplomatisch klug, aber herrschsüchtig, eigennützig und eigenwillig, herrscht die Schlachta, die ihr eigenes Reich zugrunde gerichtet hat, jetzt über Galizien und Oesterreich. Während Millionengeschenke an sie gegeben werden, geschieht nichts im Lande, sind die Schulzustände, die socialen und wirtschaftlichen Zustände des Volkes erbärmlich. Zur Schlachta tritt das gaiizische Beamtenthum. Die österreichische Bureaukratie hat eine starke und gute Tradition, deren Ideal der Josefinismus ist. Der josefinische Beamte ist kein Demokrat, kein Anhänger der Volksherrschaft. Im Gegentheil, er ist von dem Bewusstsein getragen, dass er zur Herrschaft über das Volk befähigt und berufen ist Aber er ist gesetzestreu, unparteiisch, ein Schützer der Schwachen und ein Vorkämpfer der Staatsmacht, besonders gegen Eingriffe der Kirche. Parlamentarismus und Autonomie haben leider bei uns auf den Beamtenstand nicht günstig eingewirkt. Dennoch haben seine Vorzüge noch immer standgehalten. Aber in Galizien ist diese Tradition plötzlich unterbrochen worden. Es wTar wohl der schlimmste Fehler des Bürgerministeriums in seiner innern Politik, dass es 1868 die alten, bewährten Beamten aus Galizien vertreiben und durch neue Männer ersetzen liess, welche Mitglieder oder Günstlinge der Stanczyken sind. So ist das Beamtenthum in Galizien nicht österreichisch, sondern stanczykisch, und ein Befehl aus Wien wird in Galizien in ganz anderer Weise aufgenommen und bewerthet, als im übrigen Oesterreich. Es ist wirklich traurig, wie bei uns die schönsten Gesetze verzerrt werden. Es gibt keine stärkere Schutzwehr des Volkes gegen Willkür, als die Unabhängigkeit des Richterstandes. Bei uns führt sie dazu, dass sich der Richter gegen jene Weisungen wehrt, welche zur Wahrung von Recht und Gesetz ergehen. Beamte dieser Art haben auch in unseren Fällen mitgewirkt. Sie schauten nach den Stanczyken aus, und da die Gräfin Tarnowska auf der Gegenseite standr konnte man wie vor dem Inferno alle Hoffnung fahren lassen. Die dritte bedeutsame Classe in Galizien sind die Bauern. Wenn man die Schilderungen von Iwan Franko über das Elend, die Verwahrlosung, den culturellen Tiefstand der galizischen Bauern liest, so möchte man vor Scham und Schmerz vergehen, dass ein solcher Zustand noch in Oesterreich möglich ist. Aber mögen wir noch so viel Mitleid über das Los des Volkes fühlen, die Folge bleibt bestehen : 30 Jahre nach Schaffung des Schulgesetzes sind noch zwei Drittel der Bevölkerung Analphabeten. Das Volk versteht noch nicht selbstständig zudenken; es ist ein willenloses Werkzeug in den Händen des Adels und der Kirche. Ein Volk das denkt, unterstützt keinen Kinderraub. Zu den galizishsen Umständen gehört aber auch der Zustand der