Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 2 (2.1901)
- Date
- 1901-02-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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3 zugewiesen worden. Er hat ihnen das Blaue vom Himmel versprochen, um sie nach errungenem Siege mit brutaler Gewalt zu terrorisieren. In Massen sind sie nun von ihm abgefallen, und wo früher Pfarrer und Lehrer zusammen für die Wahl der Christlich-Socialen agitierten, wirkten diesmal die geistlichen Herren für den clericalen Antisemiten, während die Lehrer und mit ihnen die Beamten für den deutschnationalen Antisemiten Stimmung machten. Dieser Abfall der Intelligenzwähler gibt dem Wahlkampfe in Wien und in Niederösterreich das Gepräge. In Wien wandten sie sich den Socialdemokraten, auf dem flachen Lande den Deutschvölkischen oder Deutschvolklichen zu. In der Reichshauptstadt, die von jeher national geschlechtlos war, wirkte das sociale Moment, in den Landstädten das nationale Moment b estimmend für die neue Parteirichtung. Die Wahlen in den deutschen Bezirken Böhmens werden charakterisiert durch den gewaltigen Auftrieb der deutsch-radicalen Partei. Die nationale Bewegung war so wuchtig, dass in diesen industriereichen Districten die Socialdemokratie vollständig aufs Haupt geschlagen wurde. Die Deutsch-Radicalen sind eine entschieden anticlericale, zugleich aber auch entschieden antisemitische Partei. Sie repräsentieren die weitaus gefährlichste Spielart des Judenhasses, den Ra ssen -Antisemitismus. Er ist die gefährlichste Sorte, weil er nicht mit Worten spielt, nicht an leeren Demonstrationen, an der blossen „Hetz44 Gefallen und Genüge findet, sondern sich die wirtschaftliche Boycottierung und Erdrosselung der Juden zur Aufgabe stellt. Er ist verwandt mit dem „Asemitismus44 der Polen und arbeitet mit denselben Mitteln, still, geräuschlos, aber grausam und voll tiefen, leidenschaftlichen Hasses. Die Verstärkung dieser Partei im Abgeordnetenhause, die moralisch noch mehr als numerisch ins Gewicht fällt, ist direct ein Unglück für die Juden, denn alle Voraussetzungen sprechen dafür, dass sie die Führung der deutschen Linken an sich reissen und ihnen ihren extremen Antisemitismus aufzwingen wird. Aber auch im czechischen Gebietstheile hat der Antisemitismus Fortschritte gemacht. Dort sind zwei neue Parteigruppen, die czechischen Agrarier und die czechisch-nationalen Arbeiter, emporgekommen. Beide sind den Juden nichts weniger als freundlich gesinnt. Die czechischen Agrarier stehen durch ihr wirtschaftliches Programm in engster Fühlung mit dem czechischen FeudaladeL und aus der Amtsthätigkeit des Grafen Thun wissen wir es nur zu gut, dass unsere Glaubensgenossen von diesen hochmögenden Herren nichts Gutes zu erhoffen haben. Die czechisch-nationalen Arbeiter sind wohl anticlerical, stehen aber in der Judenfrage auf dem Rassenstandpunkte genau so wie ihre nationalen Antipoden, die Deutsch-Radicalen. Die Nachoder Plünderungen waren ganz direct das Werk dieser Czechisch-Nationalen. Das musivische Bild des neuen Parlamentes vervollständigt sich durch einen Blick auf den Polen-Club, der um etliche Töne