Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 1 (1.1901)
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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15 schaffen eines entgegenstehenden Hindernisses wird das Verbrechen begangen. Es ist auch unentscheidend, ob das Kind sich im Wohnräume der Eltern befand. Wenn Michalina Araten im Kloster von Krakau der Behörde zugänglich war und ihrem Vater zurückgestellt werden konnte, und wenn sie nun an einen anderen, unbekannten, sogar;der Behörde verschwiegenen Ort gebracht wurde, so fehlt nichts zum VerDrechen der Entführung. Die Strafe ist, wenn das Kind noch nicht 14 Jahre alt ist, schwerer Kerker von 5 bis 10 Jahren. In den Fällen, in welchen das Mädchen aus dem Kloster fort will und nicht fortgelassen wird, ist Einschränkung der persönlichen Freiheit vorhanden; nach § 93 St.-G. ein Verbrechen, das, wenn die Anhaltung über drei Tage gedauert hat, mit 1 bis 5 Jahren schweren Kerkers bestraft wird. Wir haben also Civil- und Strafgesetze genug, nach welchen Alle, die activ bei diesen Ent- und Verführungen mitgewirkt haben, zur Verantwortung hätten gezogen werden können und müssen. Es ist ein trauriges Zeichen dafür, dass nicht Recht, sondern nur Macht und Opportunität bei uns gilt, wenn nicht einmal der Erfolg paralysiert, wenn nicht einmal dem Vater sein Kind zurückgestellt wird. Aber Handlungen wollen zunächst nicht gelobt oder getadelt, sondern verstanden werden. Lassen Sie mich daher in die Frage eingehen, durch welche Momente solche Fälle der Rechtlosigkeit bei uns möglich sind. Wir leben in Europa, aber in ganz Europa hört man nichts von solchen Fällen, nur bei uns. Und in Oesterreich glücklicherweise nur von Galizien. Welche Ursachen sind es nun, die sie herbeiführen, und wie kann von ihnen auf die Mittel geschlossen werden, um d em Unfug wirksam entgegenzutreten? Die grosse und tiefliegende Ursache ist in einem Grundsatz der christlichen Religion zu suchen. Sie hat Bekehrungstendenz, verdankt ihr auch ihre grosse Verbreitung. In den Mitteln war die Kirche niemals verlegen. Solange die Zeiten noch dunkel waren und es ihr gestatteten, gieng sie bei ihrer Mission wie in dem Kampfe gegen Heiden, Juden und Ketzer mit brutaler Gewalt vor. Ich erinnere an Karl den Grossen, der die Sachsen katholisch machte, indem er 20.000 Mann niederhauen liess. Der Friede des Hauses und der Gemeinde war für die Mission niemals ein Hindernis. Wir haben in letzter Zeit aus China blutige Greuelthaten gehört, die Jeder von uns tief bedauert. Aber wenn wir sehen, wie sich die Gefühle des Schmerzes in Araten und seinen Leidensgenossen verhundertfachen, die Gefühle des Zornes und Hasses, die sich hieraus naturgemäss im Unterdrückten gegen die Unterdrücker entwickeln, so werden wir die Chinesen verstehen. Wir werden sie nicht für die Barbaren halten müssen, als die sie uns geschildert werden, wenn auch die Erbitterung der durch die Missionäre und ihre Schützlinge in ihren tiefsten Empfindungen verletzten Väter, Mütter und Gemeindegenossen in einem Momente in wilden Flammen emporgeschossen ist. Das Wiener Wochenblatt „Die Zeit" bringt eben heute eine Schilderung der chinesischen Verhältnisse nach einem" Berichte des deutschen Consuls Forke. Es heisst darin: „Wo der Chinese nicht, wie beim Missionär, Gefahr wittert, ist er auch mit dem Europäer weit umgänglicher als man gemeiniglich