Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 1 (1.1901)
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9756662-9602173-9602174--0018-9602189- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
11 Die anderen Fälle sind sehr ähnlich; sie unterscheiden sich nur dadurch, dass das Mädchen schon über 14 Jahre alt ist und daher formell das Recht hat, zum Christenthum überzugehen. Zumeist sind es 15jährige Mädchen, und zumeist ist es das Kloster der Felicianerinnen in Krakau, in das « sie, gebracht werden. Ich kann sie nur kurz skizzieren. Da ist zunächst deib Fall; Rosa (Rochme) Weiss aus Wieliczka. Das Mädchen ist 15 Jahre Mt, entläuft am 7. August 1899 aus dem Elternhause wegen einer Liebelei, kommt wieder zurück, um nach wenigen Tagen wieder zu entfliehen. Sie wird mehrere Tage von dem Gemeindeaufseher in Wieliczka verborgen gehalten, dann in das Kloster der Felicianerinnen gebracht. Die Polizei in Wieliczka verweigert die Hilfeleistung, und wie der, wie im Falle A r a t e n, erklärt der Polizei-Inspector : er wisse wohl, wo das Mädchen sei, aber er sei nicht bezahlt, um jüdische Mädchen ins Elternhaus zurückzubringen. Der Vater macht dann in Krakau alle Anstrengungen, um sein Kind zu sehen; endlich wird ein Commissär mit ihm geschickt. Dieser lässt den Vater im Hof warten und vernimmt die Tochter im Kloster in Gegenwart der Nonnen; nach zwei Stunden erscheint er mit einem Protokoll, das Mädchen weigere sich, mit dem Vater zu sprechen. Weiss erlangt dann vom Fürstbischof ein Schreiben an die Oberin; diese verwehrt ihm aber wiederum den Eintritt, weil ihn die Tochter nicht sehen wolle. Im Gegensatze hiezu behaupten Frau und Tochter des Weiss, dass Rosa ihnen weinend geklagt habe, sie werde eingesperrt gehalten und möchte nachhause. Der Fall ist derzeit in ein neues Stadium getreten. Aus dem Kloster kam eine Eingabe der Rosa Weiss an das Gericht, in der sie bittet, ihrem Vater die Gewalt über sie zu entziehen und ihr einen Curator zu bestellen. Das Gericht hat dem Begehren keine Folge gegeben, aber auch den Vater Weiss abgewiesen. Wie ich höre, soll der Vertreter des Vaters gegen die Abweisung recurrieren, wobei er nachweisen will, dass Rosa Weiss zur Zeit gar nicht in dem Kloster war, aus dem die Eingabe stammt.*) Ein dritter Fall betrifft Esther Weiser in Szczucina. Das Mädchen ist wieder 15 Jahre alt. Auch sie hat eine Liebelei und geht ins Kloster der Felicianerinnen nach Krakau. Ihre Mutter verlangt das Kind bei der Polizei und erfährt dieselbe Behandlung wie Weiss; sie wird mit diesem zugleich vor das Kloster geführt und wartet so wie er im Hof. Auch ihr Kind wird in Abwesenheit der Mutter unter dem directen Einfluss der frommen Schwestern vernommen und weigert sich angeblich, sie zu sehen. Die Mutter wird krank, verliert auch durch einen Brand ihr Vermögen und kann ihr Recht nicht weiter verfolgen. Feigel Siegeltuch in Dobczyce, wieder 15 Jahre, entflieht aus dem Hause ihrer Eltern, angeblich durch zwei benachbarte Schneiderinnen verlockt, die sie ins Felicianerinnenkloster weisen. Der Vater geht ins Kloster, zum Bischof, zum Magistrat — Alles vergeblich. Die nach Angabe ihres Vaters 14jährige Blime Kornreich in Mala, wird am 12. Juni 1900 von einem Bauer Gerwazj direct vom *) Siehe die Correspondenz aus Krakau in der heutigen Nummer. Anm. d. R.