Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 10 (1898)
- Issue
- 104 (4.1898)
- Date
- 1898-04-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Mittheilungen der Oesterr.-israel. Union. Nr. 104. graben geführt zu werden, damit gegen alle Confessionen gleiches Recht geübt werde. Wenn nicht Jellinek es gewesen wäre, so wäre vielleicht an mich die Reihe gekommen.1* Während der Reactionszeit der Fünfziger-Jahre haben die einzelnen Nationalitäten, die in den wenigen Tagen freiheitlicher Entwicklung miteinander gehadert hatten, insbesondere die Slaven, den Lohn dafür bekommen, dass sie die nationalen Interessen über die freiheitlichen gestellt haben. Es trat eine constitutionalistische Gesetzgebung und eine durch und durch centralistische Verwaltung ein, und die Germanisation wurde in der ganzen Monarchie in einer AVeise durchgeführt, wie vielleicht nicht einmal zur Zeit Kaiser Josefs. Das erzeugte allerdings auch einen sehr grossen Hass gegen die Deutschen, welche ihn aber eigentlich nicht verdienten, denn die Reaction war nichts weniger als von nationalem Deutschthum beseelt. Sie hat die deutsche Sprache nur als das geeignetste Mittel zu einer gewaltsamen Regierurig betrachtet. Fischhof, welcher damals noch seinem ärztlichen Berufe lebte, beschäftigte sich insbesondere mit privaten Studien über die Verfassungs- und die Sprachenfrage. Im Jahre 1861, als wieder eine freiheitlichere Regung in Oesterreich eintrat, war es insbesondere die ungarische Frage, welche die öffentliche Aufmerksamkeit erregte. Es ist Staunenswerth, wie gering zu der damaligen Zeit die Kenntnisse vom ungarischen Rechte und der ungarischen Verfassung waren. Unsere centralistische Partei, die dann eine scheinconstitutionalistische geworden ist, glaubte, ein viele Jahrhunderte altes Verfassungsrecht ohneweiters durch die octroyirte Charte vom Jahre 1861, die eigentlich nur ein Hohn und Spott auf die freiheitlichen Ideen war, ersetzen zu können. Ich glaube. Schmerling hat vom ungarischen Rechte und von der ungarischen Geschichte keine Ahnung gehabt, sonst hätte er keinesfalls glauben können, dass die Ungarn ihre Jahrhunderte alte Verfassung gegen dieses Machwerk jemals austauschen würden. Fischhof hat damals — im Jahre 1861 — im Vereine mit Dr. Josef Unger, dem jetzigen Präsidenten des Reichsgerichtes, der ja im Jahre 1848 mit ihm im Sicherheitsausschusse gesessen ist, ein Buch herausgegeben, in welchem darauf aufmerksam gemacht wurde, dass man doch mit den Ungarn nicht so umspringen könne, wie es Schmerling wollte und dass man ihnen doch eine gewisse, ihren historischen Verfassungsrechten entsprechende Selbstständigkeit geben müsse. Das Buch hat jedoch nicht soviel verlangt, als die Ungarn später errungen haben. Allein es hat trotzdem in den Wiener centralistischen Kreisen durchaus Missfallen erregt, ebenso unter den damaligen Vertretern der Deutschen im Reichsrath, die noch eine centralistische Organisation des Reiches unter deutscher Führung durchführen zu können glaubten. Dann kam auch die wirthschaftliche Seite der Frage in Betracht. Es hat sich darum gedreht, wer die