Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 10 (1898)
- Issue
- 104 (4.1898)
- Date
- 1898-04-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Mittheilungen der Oesterr.-Israel. Union. Nr. 104. wiederkehren werden. Die Gesellschaft ist in nationale, in confessionelle und in wirtschaftlich einander bekämpfende Gruppen gespalten und es scheint jeder einigende Gedanke verloren gegangen zu sein, der sich über alle Sonderinteressen erheben würde, insbesondere der Gedanke, dass die menschlichen Ziele und Aufgaben die gleichen sind und dass es einen Punkt geben muss, auf welchem sich Alle begegnen müssen. Adolf Fischhof wurde in Budapest im Jahre 1816 geboren. Schon als junger Mensch hatte er die unerschütterliche Ueberzeugung von der Gleichberechtigung alles dessen, was ein menschliches Antlitz trägt. Bekanntlich deutet schon die Bibel sie symbolisch an. Ich will nicht untersuchen, meine Kenntnisse reichen nicht dafür aus, ob die Lehre der Bibel, dass alle Menschen von Adam und Eva abstammen, antropologisch und naturwissenschaftlich richtig ist; in dieser Lehre liegt aber die ideale Anschauung, dass wir Alle Brüder und Schwestern, daher einer und derselben Wesenheit sind, dieselbe Aufgabe zu erfüllen und dasselbe zu erreichen haben. Dieses Gefühl war in Fischhof schon lebhaft, als er am Gymnasium zu Pest studirte. Anfangs der Dreissiger-Jahre gab es in demselben noch eine Judenbank, auf welcher auch Fischhof sass. Als nun ein Professor einen der Mitschüler Fischhofs, Grafen Bela Wenkheim, weil dieser etwas angestellt hatte, zur Strafe auf die Judenbank setzen wollte und Fischhof aufforderte, mit Wenkheim während dessen Strafzeit den Platz zu tauschen, weigerte sich Fischhof, dem Befehle Folge zu zu leisten und erklärte, dass, solange es noch eine Judenbank gebe, er sich von seinen Genossen nicht trennen wolle; er wolle kein Vorrecht; sollen die Grafen sitzen bleiben, wohin sie gehören, wir bleiben zusammen. Sie wissen, dass Fischhof am 13. März 1848 — er war Secundararzt des Allgemeinen Krankenhauses und bezog als solcher nicht einmal 1 fl. tägliches Entgelt — der erste war, welcher es wagte, ein freies Wort in Oesterreich zu sprechen. Die anwesenden Juristen wissen, was dies damals bedeutet hat und wie die Bestimmungen über den Hochverrath damals gehandhabt wurden; wenn die freiheitliche Bewegung missglückt wäre, hätte ihn eine Strafe von nicht unter 20 Jahren schweren Kerkers erreicht. Fischhof betonte schon damals, dass der Streit zwischen den Nationen von denEegierungen gefördert wird, um die politische Freiheit zu unterdrücken und von den Völkern Oesterreichs eine jede freiheitliche Bestrebung fernzuhalten. Seine diesbezüglichen Worte — er sprach zuvor über Pressfreiheit, Schwurgerichte, Gewissensfreiheit, Lehr- und Lernfreiheit — lauten: „Eine übel berathene Staatskunst hat die Völker Oesterreichs auseinander gehalten. Sie müssen sich jetzt brüderlich zusammenfinden und ihre Kräfte durch ihre Vereinigung erhöhen. Die Schwächen der einen Nationalität werden hiebei in den Tugenden der anderen ihren Ausgleich finden und die Vorzüge-