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Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1898-04-01 · 103 (4.1898) · p. Seite 10

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Journal
Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
10 (1898)
Issue
103 (4.1898)
Date
1898-04-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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10 Mittheilungen der Oesterr.-lsraeL Union. Nr. 103. Geldgier und Bosheit, und dennoch nahm die Affaire bald eine furchtbare .Tragweite an. So ehrenhaft und charakterfest der österreichische Consul Merlato in dieser Sache vorging, so boshaft und ränkevoll war die Rolle, die der französische Consul Ratti- Menton in dieser Tragödie spielte — wahrlich ein würdiger Vorläufer für den Dreifuss-Process. Es ging in Damascus mit einem Worte grauenhaft zu. Die Folterbänke und die Torturkammern forderten täglich neue blutige Opfer. Allein kaum waren die Schreckensnachrichten nach Europa gedrungen, da erhoben im englischen Parlament Robert Peel und Palmerston ihre mächtigen Stimmen, und der feurige Agitator O'Connel beklagte es, dass kein jüdischer Abgeordneter jetzt seinen Sitz im Parlament habe, um für seine unglücklichen Stammesbrüder das Wort zu führen. Ja, 210 vornehme Bürger Londons richteten ein Gesuch an den Lordmayor, eine öffentliche Versammlung einzuberufen, damit Gelegenheit geboten werde, der allgemeinen Entrüstung, die alle englischen Herzen erfülle, Ausdruck geben zu können. Die zustandegekommene Versammlung gestaltete sich sodann zu einer wahrhaft grossartigen sympathischen Kundgebung für das Judenthum in- und ausserhalb Englands. Als Montefiore hierauf seine bekannte Reise nach Egypten antrat, stellte ihm die Königin Victoria ein Staatsschilf zur Verfügung. Und indem ich hiermit meine Rückschau schliesse, darf ich wohl auf die These, von der ich ausgegangen, hier nochmals zurückkommen, dass trotz der tiefen socialen und politischen Depression das Judenthum der vormärzlichen Zeit dennoch einen hohen, achtunggebietenden Culturgrad sittlicher und geistiger Entwicklung erreicht hat. Doch nunmehr nach vorwärts meinen Blick richtend, steht es vor meinem Geiste, das grosse Sturm- und Freiheitsjahr mit seinen unvergesslichen Eindrücken. Allein nach allen den Reminiscenzen, die seit einem Monate alle Tagesblätter Wiens hierüber brachten, hiesse es Wasser ins Meer giessen, wollte auch ich nun Ihnen Schilderungen jener bewegten Zeit bringen. Ich meinerseits will daher nur Eines hinzufügen. Es war ein schöner Traum — ein Sommernachtstraum — auf den bald ein nüchternes Erwachen folgte. Das denkwürdige Jahr hatte uns Freiheiten gebracht, aber — die Freiheit ist nicht mitgekommen. Rechte sind uns verliehen worden, aber das Recht, das eine heilige M e n s c h e n r e c h t, ist nicht zum Siege gelangt. Doch nimmer können die Zweige gedeihlich fortkommen, solange deren Stamm nicht .stark und fest im Boden wurzelt. Und daraus erklären sich die düsteren Zustände unserer Zeit. Indessen von einem berühmten Manne unseres Alterthums wird mitgetheilt, dass er, geboren in einer Stadt, namens Gimsu, diesen Namen umgewandelt hatte in das Wort Garns u, welch' letzteres er, zum Losungsworte nehmend, bei jeder Widerwärtig-

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