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Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1898-04-01 · 103 (4.1898) · p. Seite 8

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8 Mittheilungen der Oesterr.-lsrael. Union, Nr. 103. dessen Zerstreuung an bis in die jüngste Zeit herab zu schreiben. Denn erst in demselben Jahre 1822, als der Todesengel die Lebenslampe Salomon Löwisohn's auslöschte, begann Isaak Markus Jost mit seinem neunbändigen Geschichtswerke in die Oeffentlichkeit zu treten. Löwisohn war aber ebenso auch der erste Jude, der ein Lehrbuch der hebräischen Poesie verfasste. Wohl hat der deutsche Gelehrte Herder hierin die Priorität, denn sein berühmtes Buch „Geist der hebräischen Poesie" erschien bereits 1782, somit sieben Jahre vor Geburt Löwisohn's. Allein an tiefer und gründlicher Sachkenntniss übertraf er Herder, und Löwisohn besass überdies in ganz hervorragender Weise die poetische Begabung, er war wahrhaft ein Dichter von Gottes Gnaden. Er schrieb dieses Lehrbuch hebräisch (Melizas Jeschurun, Wien 1816) und zwar welch' ein auserwähltes, die Kenner mit Bewunderung erfüllendes Hebräisch! In meinen Jugendjahren lernten wir dieses Buch auswendig und an der begeisterten Sprache desselben entzündeten wir unsere eigene Begeisterung. Doch an diesem, kaum dem Jünglingsalter entwachsenen Gelehrten können Sie ermessen, welche Bedeutung gar erst die gereiften Männer, die ebenfalls im Ghetto herangewachsen waren, in der Wissenschaft erlangten. Zu unserem ersten Stammvater sprach einmal die Gottheit: Schaue gen Himmel und zähle die Sterne, wenn Du es im Stande bist — und fügte dann hinzu: Also werden Deine Nachkommen sein! In der That, sie sind zahlreich geworden wie die Sterne, jene grossen Männer, deren Wiege im Ghetto stand, aber auch leuchtend wie die Sterne, von denen jeder Einzelne eine Welt für sich ist. Ich nenne Ihnen hier nur einige solcher Namen: Nachman Krochmal, Salomon Jehuda Rapoport, Samuel David Luzzatto, Zunz, Jost, Grätz, Zacharias Frankel, Abraham Geiger, Moritz Steinschneider, Salomon Münk, Michael Sachs, Leopold Dukes, J. N. Mannheimer, Adolf Jellinek und noch viele, viele Andere, deren Wiege im Ghetto stand, und an deren Wiege die Armuth sass. — Doch ist vielleicht gerade dadurch, dass ihnen die Erlangung der Wissenschaft so schwer geworden war, die Wissenschaft ihnen um so theurer geworden und umso tiefer drangen sie in ihr innerstes Heiligthum ein. Zu Zeiten des alten Griechenland, da gabs auf einer Insel des Archipels lauter Bienenzüchter, deren weitversendeter Honig sich eines grossen Rufes erfreute. Allein es war eine Felseninsel, die fast gar keinen Humus hatte. Darum mussten die Bienen täglich einen mühevollen Flug nach benachbarten Inseln machen und die gesammelte süsse Beute dann nach Hause bringen. So gings eine Reihe von Jahren, bis endlich ein neues Geschlecht, kam, das sich klüger dünkte, als es die Väter waren; die sagten, wir werden unseren Bienen den mühevollen Flug ersparen. Wir selber werden täglich eine Schiffsladung frischer Blumen holen und sie vor die Thür der Bienenstöcke hinlegen. Aber was geschah? Von dem Tag an gaben die Bienen fast gar keinen Honig mehr.

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