Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 10 (1898)
- Issue
- 103 (4.1898)
- Date
- 1898-04-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 108. Mittheilungen der Oesterr.-Israel. Union. verklärenden Schimmer zu breiten. Und dies war ein fast wunderbarer, alle Herzen beseelender Lerneifer — es war nicht Brodstudium, Fachstudium, nein, es war eine Art kategorischer Imperativ, , ein eingeborenes, unentwegtes Streben und Bingen nach geistiger Durchbildung. Wenn man noch in später Nachtstunde durch das Ghetto ging, sah man erleuchtete Fenster, und durch die kleinen Fensterscheiben blickend, fand man den Tisch mit Büchern bedeckt und an dem Tische sitzend, Jünglinge, kaum dem Knabenalter entwachsen, in die geistige Arbeit vertieft, aus den Büchern lernend, studiren. Da es nicht die grossen Talmudfolianten waren, so mussten es Lehrbücher fremder Sprachen und verschiedener Wissenschaften sein. Woher nahmen sie in dem kleinen, weltentlegenen Ghetto die nöthigen Lehrer oder Lehranstalten? Wohl gabs fast in jeder Gemeinde eine Lehrstätte für das grosse talmudische Schriftenthum, man nannte.dies eine Jeschiba. Der Rabbiner des Ortes schaarte einen Kreis von Jüngern, theils einheimische, theilsaus der Fremde zugereiste, um sich und war ihnen nicht nur gründlicher Lehrer auf dem genannten geistigen Gebiete, sondern gab ihnen auch ein leuchtendes Vorbild an rührender Bedürfnislosigkeit. Und woher fanden diese fremden Jünger ihren Unterhalt? Da zeigt sich uns wieder eine Lichtseite im Leben des Ghetto, es herrschte hier eine pflichtfreudige Gastfreundschaft, die namentlich den edlen Frauen im Ghetto zu danken war. Selten gab's ein Haus, darin nicht täglich am Mittagstische ein solcher Jünger bereitwillige Beköstigung fand. Allein das Talmuclstudium, so eingehend und so hingebungsvoll es noch in der Zeit, der auch wir mit unseren Erlebnissen noch angehörten, betrieben ward, ganz ausfüllen konnte es nicht mehr den mächtigen Lerneifer und Wissentrieb. Und so sehen wir sie noch im Geiste, diese kaum dem Knabenalter entwachsenen Jünglinge, immer bis tief und spät in die Nacht hinein mit ihrem_ eisernen Fleisse in das Studium allerlei Sprachen und Wissenschaften vertieft. Und wer ihre Lehrmeister waren in diesen Fächern? Es gehört auch dies eben mit zu den merkwürdigen Momenten jener sogenannten vormärzlichen Zeitepoche. Sie waren ihre eigenen Lehrer, Schüler und Lehrer in einer Person, sie waren im strengsten Wortsinne A u t odidacten. Als Stichprobe möchte ich einen solchen Autodidacten- Jüngling Ihnen im Geiste hier vorführen. Salomon Löwisohn war sein Name und seine Wiege stand in dem kleinen Orte Moor in Ungarn. Geboren 1789, bedeckte bereits 1822 die Muttererde seine irdische Hülle, allein obschon so frühzeitiggeschieden, wird doch unsere Literaturgeschichte seinen Namen stets in Ehren nennen. Zwei literarische Denkmäler von grosser Bedeutung verewigen das Andenken dieses Autodidacten-Jünglings. Er war der erste Jude, der mit warmem Herzen und hellem Geiste daran ging, eine Geschichte seines Volkes von