Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 10 (1898)
- Issue
- 103 (4.1898)
- Date
- 1898-04-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Mittheilungen der Oesterr.-Israel. Union. Nr. 103. einigt, um das Leben mitten in den Gassen und Gässchen des Ghetto zu verschönern, zu verherrlichen. In der ganz ersten Reihe dieser geistigen Factoren jedoch nenne ich — und zwar wahrlich nicht nur in meiner Eigenschaft als Theologe — die Religiosität. Und in meinem engeren, mährischen Heimatslande war es eine von jedem zelotischen Uebereifer ferne, aber wahrhaft herzinnige, das ganze Leben verklärende Religiosität. Mit jedem Festtage, jedem Sabbathe kam ein Stück grüner Oase in die Sandwüste des Ghetto hineingezogen und brachte ein Stück seelischer Freude mit sich. Aber ich muss Ihnen da noch etwas ganz Besonderes erwähnen. In unserem Kalender finclet sich auch ein Festtag verzeichnet, der einen gar eigentümlichen Namen auf sich trägt. Er heisst: „Das Neujahrsfest der Bäume". Wenn draussen in der Natur noch der tieftse Winter herrscht, der hartgefrorene Schnee noch unter den Schritten der Menschen knirscht und die verfrorenen Fensterscheiben jeden freien Ausblick verwehren, dann sagen wir, wir wittern bereits den Odem des nahenden Frühlings, über die Hügel und Berge hüpfend, komme er, um neue Lebenskraft in die abgestorbenen Aeste der Bäume einzuführen. Und wahrlich, ebenso hatten wir auch mitten in dem starren, eiskalten Winter unserer socialen und politischen Sonderstellung immer den Odem eines nahenden Frühlings zu wittern geglaubt, einem nahenden Völkerfrühling entgegengeblickt, der die Herzen der Menschen mit seiner belebenden Wärme zu erfüllen komme. Auch unsere Väter im Ghetto gründeten verschiedene „Vereine" unter sich. Ich nenne Ihnen hier einen solchen, der heutzutage nur noch Wenigen bekannt sein dürfte. Die Mitglieder dieses Vereines nannten sich „Die Harrer auf den Morgen" (Schaumrim labaiiker). Worin bestand dieser Verein? Eine Stunde vor Tagesanbruch zog eine rufende Stimme durch die Gassen und Gässchen des Ghetto : „Steht auf, ihr Harrenden auf den Morgen!" Bei diesem Rufe erhoben" sich die Mitglieder dieses Vereines und eilten in das gemeinschaftliche Bethaus, und Psalmen lesend warteten sie, bis der Morgen anbrach und sich die Gemeinde zum Morgengebete versammelte. Man könnte aber wahrlich sagen: Unser ganzer Stamm bildete Jahrtausende hindurch eine solche grosse Gilde — denn wir waren allesammt „Harrer auf den Morgen". Von Volk zu Volk gejagt. Von Gross und Klein geplagt, Vom Druck das Herz zernagt, Hab' ich doch nicht verzagt — Stets hoffend mir gesagt: „I c h h a r r e, bis es tagt!" Doch kann ich nicht unerwähnt lassen, dass es noch einen weiteren geistigen Factor gab, der in ganz besonders hohem Grade dazu beitrug, über das Leben im Ghetto einen wahrhaft