Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 10 (1898)
- Issue
- 103 (4.1898)
- Date
- 1898-04-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 103. Mittheilungen der Oesterr.-Israel. Union. 5 Antlitzes erworben, es schmecke ihm süsser, als die volle, dampfende Schiissel, auf dem Knechtestisch aufgetragen! Und wie treffend hat der biblische Meistergriffel es verstanden, mit einem einzigen Federzuge die moralisch traurigen Folgen der langen egyptischen Knechtschaft zu kennzeichnen — wie die pharaonischen Sclavenketten die tiefen Spuren nicht nur in ihre Glieder, sondern in ihr ganzes Sein und Denken eingedrückt. Der Satz lautet: „Sie hörten den Moses nicht an aus Kürze des Odems und aus drückender Arbeit." Man male sich nur die Scene im Geiste aus. Während sie gebeugten Nackens auf den abgemähten Feldern umherirren, emsig die Stoppeln aufsuchend, um nur die Zahl der Ziegel bis zum Abend fertig zu bringen, steht plötzlich Moses vor ihnen — mit dem Zauber seiner durchgeistigten Persönlichkeit sich ihnen als der erlösende Bote Gottes ankündigend, er komme, das Joch ihrer Nacken zu zerbrechen und sie als freie Männer hinauszuführen in die Freiheit. — Ach, sie hören ihn nicht an, er redet zu ihnen von Freiheit, allein in dem langen entmenschenden Drucke ist Ihnen jedes Verständniss für das "Wort Freiheit verloren gegangen! # # * Geehrte Hörer und Hörerinnen! "Welch ein ganz anderes Bild zeigt sich unserem geistigen Auge, wenn wir, den Blick zurückwendend, hineinschauen in die sogenannte vormärzliche Zeitperiode und das Leben im Ghetto sich vor uns aufrollt, wie ich und alle meine Altersgenossen es aus Autopsie, aus eigenen Erlebnissen kennen. Hier hörten sie im Gegentheile immerfort auf den zu ihnen redenden Moses, wie er von Freiheit, von endlicher Befreiung und Erlösung, von dem endlichen grossen Siege des Menschenrechtes zu ihnen redet, — und ihr Odem erweiterte sich und der schwere Druck des Lebens verlor für sie die Hälfte seiner erdrückenden Schwere. Das Ghetto — wie man das Wort hört, steht freilich sofort das ganze Mittelalter in seiner Düsterniss Einem vor der Seele und man denkt mit Wehmuth an den armen Ghettobewohner, der bei jedem Schritt, den er ins Leben hinaus that, seinen Weg durchquert fand von einem breiten Schlagbaume, auf dem geschrieben stand: Hieher darfst Du nicht, weil Du Jude bist! Und dennoch! — Dieser Ghettobewohner besass eine Art Mosesstab, mit dem er aus dem harten Lebensfels Quellen i n n e r n Glückes hervorzuzaubern verstand. Sie kennen ja gewiss Leopold Kompert's Geschichten aus dem Ghetto — reizende, herzerquickende Erzählungen! Man sage nicht, der dichterische Genius besitze einen Zauberschleier, den er über die traurigste Wirklichkeit verklärend und vergoldend ausbreitet. Nein, ein sehr grosses Stück Poesie fand der Dichter bereits vor sich im wirklichen Leben des Ghetto. Man kann sagen, eine ganze Eeihe von geistigen, ja von imponderablen Factoren hatte sich ver-