Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 10 (1898)
- Issue
- 103 (4.1898)
- Date
- 1898-04-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Mittheilungen der Oesterr.-Israel. Union. Nr. 103 Als der deutsche Heldenkaiser Otto II. nach einer siegreichen Schlacht in Italien einen Feldzug gegen die Araber unternahm, da befand sich in seinem Gefolge ein Jude italienischer Abkunft, namens Kalonymus, der dem Kaiser mit grösster Verehrung anhing. Der Feldzug fiel unglücklich aus. Nachdem die Blüthe der deutschen Bitterschaft gefallen war, musste der Kaiser, von den siegreichen Saracenen verfolgt, jählings die Flucht ergreifen. Ein rettendes Schiff lag bereits in Sicht; allein während der Kaiser mit verhängten Zügeln auf dasselbe zueilt, bricht das todtgehetzte Ross unter seinen Füssen zusammen, und er scheint verloren. Doch in diesem verhängnissvollen Augenblicke sprengte Kalonymus auf seinem Rosse herbei, übergibt dieses dem Kaiser zu seiner rettenden Flucht, während er selbst in grösster Gefahr zurückbleibt. Der Jude Kalonymus war somit der edle, selbstlose Retter des Kaisers Otto. Die Quelle für dieses historische Factum ist das vielbenützte Sammelwerk: „Monumenta Germaniae historica" (herausgegeben im Jahre 1826, von dem berühmten Archivar Georg Heinrich Pertz). Nun lesen Sie Schlosser's Weltgeschichte für Deutsche (Band VI, S. 115) und staunend werden Sie finden, wie hier das historische Factum entstellt ist, um den edlen Juden zum feilen Geldmenschen herabzuwürdigen. Indessen Mühe und Anstrengung all der drei verbündeten Mächte erwiesen sich erfolglos. Das Gefühl der Selbstachtung, ebenso wie das Ideal der Freiheit wurzelte zu tief im Herzen des Stammes, als dass eine äussere Macht dagegen hätte etwas ausrichten können. Und da ich auch auf diesem Podium, auf dem ich heute hier stehe und zu Ihnen spreche, den überzeugungstreuen Theologen in mir nicht verhehlen mag, so sage ich es Ihnen geradezu, dass ich dieses in uns nicht zu entwurzelnde Ideal der Freiheit und ebenso dieses Gefühl der Selbstachtung auch zu den grossartigen Einwirkungen unserer Thora zähle. Das zweite Buch der Thora enthält ein Gapitel, darin die biblische Rechtslehre in grossen Zügen, ihren Hauptmomenten nach, dargestellt ist und gleich der erste Satz ist höchst bemerkenswert]! : „AVenn ein Knecht nach der sechsjährigen Dienstzeit sprechen sollte: „Ich will nicht frei sein, ich liebe mein Weib und Kind, ich mag nicht zur Freiheit ausziehen", dann soll ihn sein Herr vor's Gericht hinführen und ihm dort das Ohrläppchen durchlöchern, zum Stigma, zur bleibend ihm anhaftenden Brandmarkung." — Wie, könnte man sich fragen: Ist dies gerecht, ist das weise?. Weil ein Mann, ein Vater, aus Liebe zu Weib und Kind, deren Ernährung ihm von Gott und Natur ans Herz gelegt ist, die Knechtschaft der Freiheit vorzieht, dafür sollte er gebrandmarkt dastehen in der Gesellschaft V Nun halt! Nicht vorschnell geurtheilt! Es liegt da ein kernhafter Gedanke. Nach der Lehre der Thora soll die Freiheit jedem Menschen als ein hohes Gut erscheinen. Das harte, trockene Brot in freier Arbeit, wenn auch in triefendem Schweisse seines