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Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1898-04-01 · 103 (4.1898) · p. Seite 3

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Journal
Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
10 (1898)
Issue
103 (4.1898)
Date
1898-04-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 103. Mittheilungen der Oesterr.-Israel. Union. B Aber wahrlich, in dem engen Rahmen dieses kleinen Satzes erscheint uns ein grosses Stück unserer nationalen Geschichte zusammengefasst. Eine endlos lange und finstere Nacht hindurch, eine l^a.ght^rKp, ftwfti Ja,hrtaäaende_gev/ätirt hatte, sind wir nicht müde geworden, haben wjxiiicht aufgehört, immerfort zu sprechen von Fr e i he It^xpiT i5ejreiuiiguird Tlirlosüng aus härtestem Druck, aus tief^irKnecMüiig und von dem endlichen Siege des heiligen Menschenrechtes — bis plötzlich jenes grosse Sturm- und Freiheitsjahr anbrach und es zu uns hereinrief: Ihr Ghettobewohner! Die Nacht ist zu Ende, die goldene Sonnenscheibe der Freiheit ist plötzlich aufgegangen, ein neuer Morgen der Geschichte ist l angebrochen! In der That, es ist eine merkwürdige völker-psychologische Eigenart unseres Stammes, dass nichts im Stande war, das Ideal der Freiheit im Herzen des Stammes zu erdrücken. Eine zweitausendjährige Knechtung und Menschheitsherabwürdigung, die jeder Beschreibung trotzt, sie vermochte es nicht, die in uns wurzelnde Zuversicht zum Wanken zu bringen, dass jenes Ideal endlich zur Wirklichkeit, der grosse Sieg des Menschenrechtes zur Wahrheit werden müsse. Des Dichters Wort: „Der Mensch ist frei, und wäre er in Ketten geboren", es hat an unserem Stamme seine Illustration gefunden. Was ist nicht Alles geschehen, um das Gefühl der Selbstachtung, das jeden besseren Menschen emporhebt und über alle Bitternisse des Lebens hinwegtröstet und das nur in den verkommenen Heloten gänzlich erlöschen kann, auch aus dem Herzen unseres Stammes auszutilgen. That und Wort und Feder hatten sich zu diesem Zwecke mit einander verbündet. Ja auch die Feder — dieses edelste Instrument des menschlichen Geistes — der die Sendung ward, Wahrheit und klare, richtige Erkenntniss innerhalb der Menschheit zu verbreiten,- wie sehr hat sie unserem Stamme gegenüber ihre Macht missbraucht, um die geschichtliche AVahrheit zu fälschen oder mindestens zu entstellen. Wenn der grösste Dramatiker aller Jahrhunderte, Shakespeare, ein historisches Factum willkürlich verdrehte, ja völlig umgekehrt hatte, und zwar eigens zu dem edlen Zwecke, um auf den Brettern, die die Welt bedeuten, den Juden zum unsterblichen Hohngelächter als den blutdürstigen Vampyr darzustellen, so erhebt sich die sonst unerbitterliche Kritik und sagt entschuldigend : Der Dichter ist immun, seine frei schaffende Phantasie braucht durch die Schranken der geschichtlichen Thatsachen sich nicht einengen zu lassen. Nur wer Klio's Griffel führt, nur die Geschichtsschreibung müsse die strenge geschichtliche Wahrheit als ihr höchstes Dogma anerkennen! Nun wie? Hat die Geschichtsschreibung thatsächlich auch unserem Stamme gegenüber dieses Dogma in Ehren gehalten? Hören wir da eines der Beispiele.

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