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Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1898-03-01 · 101 (3.1898) · p. Seite 10

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Journal
Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
10 (1898)
Issue
101 (3.1898)
Date
1898-03-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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10 Mittheilungen der Oesterr.-Israel. Union. Nr. 101. nicht in Einklang war, — die heutigen Psychologen und Psychiater nennen es die Spaltung des Bewusstseins — dass er nicht wusste: Bin ich es oder nicht, bin ich überhaupt jemals anderswo gewesen als auf der Folter? Ich will noch erwähnen, dass de Castro einer der ersten Anatomen geworden wäre, wenn er in Spanien hätte bleiben können, er zog es aber vor, seinem Glauben zu Liebe nach Holland zu gehen. Ein bedeutender Arzt dieser Zeit war auch Abraham Zakubt (Zacutus Lusitanus), dessen Urgrossvater Spanien verliess, um sich nicht taufen lassen zu müssen, dessen Vater aber Christ wurde. Erst die dritte Generation flüchtete aus Spanien. Der Genannte nahm eine angesehene Stellung in Holland an und schrieb daselbst die grundlegenden Arbeiten über gewisse constitutionelle Erkrankungen. In dieser Zeit lebte auch Heinrich IV. der Bearner, dessen Gattin, die berühmte Maria Medici, einen jüdischen Arzt aus Italien Namens Elia Montalto zu berufen wünschte. Da aber kein Jude sich in Frankreich aufhalten durfte, musste für diesen Arzt ein eigenes königliches Decret erlassen werden, das noch heute vorhanden ist und ihm sowie seiner Familie freie Religionsübung gestattete. Er wurde so beliebt, dass ihm an jedem Freitag Relaispferde zur Verfügung gestellt wurden, damit er vor Einbruch des Sabbaths nach Hause kommen könne. Unter den Päpsten war den Juden von den Wissenschaften nur die Medicin zugänglich, und es rührt mich immer, wenn ich die Briefe von Michael Angelo lese. Er lag in steten Kampfe mit Leo X., beide waren harte Köpfe, und so oft ihn der Papst erzürnte, schreibt er: Lass den Juden kommen, verkaufe ihm Alles, was sich in meinem Atelier befindet und ich ziehe weg. Aus anderen Bemerkungen Michael Angelos geht hervor, dass die Juden ausser dem Trödlergewerbe in Rom kein Gewerbe betreiben konnten, und trotzdem hatte dieser Papst einen jüdischen Leibarzt, nämlich Bonet de Lates, welcher dem Judenthum ungeheuere Dienste erwiesen hat. An ihn wandte sich auch Reuchlin, als er von dem getauften Juden Pfefferkorn der Ketzerei angeklagt war, weil er den Talmud vertheidigte, und durch ihn wurde Papst Leo X. veranlasst, den Ketzerprocess einem objectiven Manne, dem Erzbischof von Trier, zu übertragen, der ihn zu Gunsten Reuchlins entschied. Um diese Zeit aber beginnt der Niedergang der jüdischen Medicin. Der Grund hiefür war folgender: Die Medicin, welche bis dahin hauptsächlich Bücherstudium war, auf dem Studium und der Erklärung der alten griechischen und jüdischen medicinischen Schriftsteller beruhte, wurde nun eine Naturwissenschaft, was sie bis dahin nur im geringen Masse war, und wurde auf das Studium der Anatomie basirt. Diese war den Juden aber aus verschiedenen Gründen unzugänglich. Der erste, der das Studium der Anatomie betrieb, war Andreas Vesal, der Leibarzt Karl V. Er beruft sich selber darauf,- dass die alten jüdisch-arabischen Aerzte die ersten waren, welche Sectionen machten, dass aber die Kirche bis dahin sie nicht gestattete;

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