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Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1898-03-01 · 101 (3.1898) · p. Seite 9

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Journal
Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
10 (1898)
Issue
101 (3.1898)
Date
1898-03-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 101. Mittheilungen der Oesterr.-Israel. Union. 9 Medioin zu keiner Bedeutung bringen, und war darum gegen Montpellier eifersüchtig. Die Folge davon war, dass um das Jahr 1232 das Concil von Bezieres den jüdischen Aerzten verbot, bei Christen zu practiciren. Von da an beginnen sich Mönche für die Medioin zu interessiren; die Praxis der jüdischen Aerzte erfährt in Europa Einschränkungen, wenn sie auch nicht gänzlich untersagt wird, trotzdem verschiedene Concilien derartige Beschlüsse fassten, und die jüdischen Aerzte spielten eine massgebende Rolle bis zum Jahre 1492, in welchem Jahre die grosse Austreibung der Juden aus Spanien stattgefunden hat. Sie kam wohl nicht plötzlich; es waren schon früher Sturmvögel sichtbar gewesen; sicher ist aber, dass in ganz kurzer Zeit 800.000 Juden Spanien verlassen mussten. Damals war, was bemerkenswert]! ist, der grosse Jehuda Abarbanel Minister am Hofe der Königin, er warf sich ihr zu Füssen, um das Ausweisungsdecret rückgängig zu machen, aber vergeblich. Mit den flüchtigen Juden zogen auch zum grossen Theile die jüdischen Aerzte davon. Wo sie sich immer hinwendeten, überall wurden sie mit offenen Armen empfangen, so auch insbesondere von den römischen Päpsten und den italienischen Republiken. Es war dies auch begreiflich. Die Republiken waren zu handelskräftig, als dass sie den Zuzug der Juden hätten fürchten sollen, und die jüdischen Aerzte wurden gerne empfangen, weil sie eine bis dahin fast unbekannte Wissenschaft in das Land brachten. Eine grosse Anzahl der jüdischen Aerzte blieb in Spanien; sie nahmen nämlich zum Scheine den christlichen Glauben an, lebten so durch drei bis vier Generationen fort und übten insgeheim die jüdische Religion aus, bis die Inquisition einen beträchtlichen Theil dieser Maranen dem Scheiterhaufen übergab und die Anderen es vorzogen das Land zu verlassen. Darunter befanden sich sehr bedeutende Aerzte. Sie hatten den Vortheil, dass sie als Christen die Universitäten besuchen und die damals im frischen Aufblühen begriffene anatomische Wissenschaft stadiren konnten, was den anderen jüdischen Aerzten versagt war, dass sie aber dabei trotzdem im Herzen und durch geheime Uebung der Religion Juden blieben. Den Namen eines von diesen Männern trägt der im Zolaprocesse vernommene Banquier Castro. Dieser ist der Nachkomme eines damals aus Spanien ausgewanderten jüdischen Arztes Orobio de Castro, dessen Grossvater zur christlichen Religion übergetreten war, dessen Vater die jüdische Religion im Geheimen übte und auch ihm anerzog; er hiess Don Balthasar Orobio, studirte an den bedeutendsten Universitäten und war namentlich bei der Geistlichkeit ein angesehener Arzt, bis er der Inquisition verdächtig wurde. Er wurde auf die Folter gespannt, sodann, als er trotzdem nichts verrieth, freigelassen und verliess Spanien. Er liess sich mit seiner Familie in Holland nieder, einige Söhne lebten später als Aerzte in Hamburg, andere in London. Von de Castro ist uns eine Anzahl sehr rührender Schilderungen seiner Empfindungen während der Folterqualen erhalten geblieben. Er schreibt z. B. dass er während der Folterung mit seinem eigenen Bewusstsein

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