Mannheim
Compact Memory

Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1898-01-01 · 99 (1.1898) · p. Seite 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
10 (1898)
Issue
99 (1.1898)
Date
1898-01-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/9607226-9602073-9602074--044-9602082
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

8 Mittheilungen der Oesterr.-lsrael. Union. Nr. 99. Ja, ohne Vorbehalt. Als Samuel erwiderte : loh höre aber Schafe blöken, es ist also Beute gemacht worden, da meinte Saul: Das Volk hat geglaubt, es müsse Opfer bringen, und hat darum Beute mitgebracht, nicht für sich, sondern um sie als Opfer darzubringen. Wäre Saul ein König gewesen, wie er sein sollte, so hätte er sich die Schuld gegeben. Er redet sich aber lieber auf das Volk aus. Damit war die Sache entschieden, dass er seinen, Willen nicht anderen aufzuerlegen vermochte, und Samuel sagte ihm, es müsse ein Anderer an seine Stelle treten. Saul hat seine Aufgabe nicht erfüllt, er hat die Monarchie zu begründen nicht vermocht, und es muss sich daher dauernd an ihm das tragische Schicksal vollziehen. Die Bescheidenheit verwandelt sich nunmehr in Zaghaftigkeit. Er fürchtet sich vor jedem, der irgendwie hervorragt, wittert überall Feindschaft, traut auch seinen Verwandten nicht mehr, wird trübsinnig, hartherzig gegen Freunde wie gegen Feinde, bestraft Unschuldige, lässt Priester hinrichten u. s. w. Es folgt nunmehr die Begründung des Königthums als einer bleibenden Einrichtung. Nun tritt der Mann auf, dem es beschieden ist, das zu vollziehen, wonach das Volk Sehnsucht empfand. Wenn auch Saul die Monarchie nicht begründen konnte, so war es ihm doch gelungen, dem Königthum Sympathie zu verschaffen. Man sah, dass der König nicht gefährlich sei, und dass die schwarzen Bilder, welche Samuel von ihm entworfen, der Wirklichkeit nicht entsprachen. Das Volk fasste daher Vertrauen zum Königthum und hatte keinen Grund, sich gegen jenen König zu wehren, der die Zügel etwas straffer anzog. Der neue König war David. Der Nachfolger des ersten Königs musste in Ansehung der Bedingungen, welche schon bei Saul besprochen worden sind, diesem ähnlich sein. Auch David durfte keinem grossen Stamme und keiner vornehmen Familie angehören. Er ist der jüngste Sohn seines Vaters, sein Stamm, der Stamm Juda, steht zum grössten Theile unter Fremdherrschaft. Hingegen zeichnet sich David vor seinem Vorgänger dadurch aus, dass er eine .durchwegs romantische, poetische Natur ist. Er macht den Eindruck, als hätten wir einen mittelalterlichen Troubadour vor uns, der Schwert und Leier an der Seite trägt. Er tritt in der Geschichte zuerst als Zitherspieler hervor; dass er ein Dichter war, beweisen die Psalmen und die Gedichte, die uns manch anderes Buch überliefert. Sein Lebenslauf ist ein derartiger, dass ein Volk mit Phantasie sich, für ihn begeistern muss. Ihn zeichnen insbesondere solche königliche Eigenschaften aus, welche Saul gänzlich fehlen, er ist begeisterungsfähig, hingebungsvoll bis zur Selbstverleugnung, selbstherrlich, wo es nothwendig ist, rücksichtslos, wenn es das Gute gilt, während er gleichzeitig nicht den geringsten Anstand nimmt, seine Schuld einzugestehen, wenn er zur rechten Zeit ermahnt wird.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.