Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 10 (1898)
- Issue
- 99 (1.1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 99. Mittheilungen der Oesterr.-Israel. Union. 9 Sein erstes Auftreten ist für sein ganzes Leben charakteristisch. Er kommt als Hirtenknabe in das Lager des Saul zu einer Zeit, in welcher alles die Philister fürchtet. Nicht Eitelkeit veranlasste ihn, den Kampf zu suchen, sondern das verletzte Ehrgefühl. Er hörte, dass das Volk beleidigt worden ist. Ein einfacher Hirtenknabe steht vor uns, der die Waffen nicht führen kann. Nicht einmal die Rüstung versteht er anzulegen und trotzdem will er die Schande nicht ertragen, die dem Volke angethan wurde. Er wagt den Kampf und es gelingt ihm den überlegenen Feind zu schlagen. Dadurch rückt er mit einem Schlage in die vorderste Reihe des von der Geschichte verherrlichten Helden. Allerdings haftet an Davids Ruf ein schwerer Makel. Es wird ihm das schwerste Verbrechen nachgesagt. Vergegenwärtigt man sich indessen seinen ganzen Lebenslauf, so wird man es bloss tief beklagen, dass ihm nicht rechtzeitig, wo sein heisser Muth aufwallte, ein Warner und Mahner erstand. Denn dann wäre sein blanker Schild gewiss von jedem Flecken frei geblieben, wie man in der Angelegenheit mit Nabal ersieht. David sah sich auf der Flucht gezwungen, Bandenführer zu werden, nicht etwa wie der von der deutschen Literatur verherrlichte Götz von Berlichingen gegen seine eigenen Landsleute, freilich gegen eine andere Kaste, die ,,Pfeffersäcke" kämpft. David ist Bandenführer an der Grenze, wo man beständig die Einfälle feindlicher Stämme abzuwehren hat, und der Erwerb des eigenen Unterhaltes dient zugleich der Vertheidigung des vaterländischen Gebietes. Dort wird er beschimpft und er erhebt sich, um sich Genugthuung zu verschaffen. Aber auf dem Wege tritt ihm das Weib des Beleidigers, Nabal, entgegen, erinnert ihn an die Veidienste, welche er sich um das Volk bereits erworben hat, und fragt ihn, ob er diese Verdienste durch die Leidenschaft verdunkeln wolle. Das genügte sogleich. Denn niemals erlosch in ihm die heilige Liebe zur Gerechtigkeit (Parabel des Nathan), und immer bekannte er offen seine Fehler, wenn man sie ihm vorhielt. Durchaus königlich waren seine Eigenschaften. Er Hess sich von seinem Temperamente immer zu allem Edlen entflammen, grenzenlos war seine Hingebung an sein Volk. Man denke nur an die Geschichte der Seuche, welche der König durch seine Schuld heraufbeschworen zu haben glaubte. Etwas ähnliches schildert uns der erste Gesang der Ilias. Während aber der König der Griechen das Mädchen nicht herausgibt, mögen auch darüber die wackersten Männer der Heeres dahinsterben sagt David angesichts der Noth seines Landes: „Gesündigt habe ich, was haben denn diese armen Lämmer begangen? Strafe mich und mein Vaterhaus!" Das ist ein König, der seine Pflichten kennt. Wenn er sich von einer Leidenschaft hinreissen liess, so war es