Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 10 (1898)
- Issue
- 99 (1.1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Mittheilungen der Oesterr.-Israel. Union. Nr. 99. haben, keinem vornehmen Geschlechte entstammen, keinem zahlreichen Stamme angehören. Er wird aber andererseits durch persönliche Tüchtigkeit hervorragen müssen. Diesem Ideale entsprach der Mann, welchen Samuel dem Volke vorschlug. Saul stammte aus keiner reichen und angesehenen Familie. Er selbst sagte: „Mein Geschlecht ist das geringste im Stamme Benjamin", und der Stamm Benjamin war im letzten Bürgerkriege beinahe vernichtet worden. Auf seinen eigenen Stamm konnte er sich nicht stützen. Er war auch nicht durch Besitz oder durch Anhang ausgezeichnet, dagegen überragte er an Gestalt und Wuchs seine Volksgenossen, was ja auch schon ein Vorzug ist. Die "Wahl erfolgte eigentlich erst dann, als Saul sich durch die Befreiung einer Stadt und durch die Besiegung der Feinde ein Verdienst erworben hatte. So wie er das Volk von seiner persönlichen Tüchtigkeit überzeugte, ebenso erfüllte er die weiteren Bedingungen. Auch sein eigenes Verhalten, das von Bescheidenheit erfüllt war, unterschied ihn in nichts von einem gewöhnlichen Bürger, den man nicht zu fürchten braucht. Doch die allzugrosse Bescheidenheit des Saul ist mit der Zeit ein Fehler geworden. Wenn das Volk einen König hat, so will es doch auch die Strahlen, weiche das König! hum aussendet, gemessen. Es stösst das Volk ab, wenn der König sich wie der erstbeste Nachbar geberdet. Das Volk hat Phantasie und sieht den Glanz der Monarchie gern, namentlich die jüngere Generation, die schon königlich gesinnt ist. Es wäre die Aufgabe des Königs gewesen, das Volk allmälich für die Monarchie zu erziehen, und den Schwerpunkt in sich zu verlegen, um ein Gegengewicht gegen Abenteurer, die den Staat beunruhigen, zu schaffen. Das Volk soll beständig auf den König blicken und sagen: Wir können auf ihn vertrauen. Diese Aufgabe hat Saul nicht begriffen. Seine Bescheidenheit hatte überdies den Fehler im Gefolge, dass er nicht die Pflicht der Herrscher kannte, nicht blos die Verantwortung für das zu tragen, was sie thun, sondern sogar für das, was andere thun. Es muss auf das unangenehmste berühren, wenn ein König sagt: Ich kann nichts dafür. In der Geschichte Saul's werden uns drei derartige Fälle von verschiedener Schattierung in steigender Progression erzählt, wo er die Verantwortlichkeit von sich auf die Schultern anderer abwälzt. Samuel verabredet mit Saul eine Zusammenkunft in sieben Tagen, um dann gemeinsam gegen die Philister vorzugehen. Es handelte sich hauptsächlich um das Zeichen zum Abmärsche der Truppen, und damit sollte gewartet werden. Dass der Beginn des Krieges mit einer heiligen Handlung eingeleitet _ wird, ist bei allen Völkern Sitte, aber das ist hier Nebensache. Der Zeitpunkt rückt heran. Ein Zufall hat das Commando frühzeitig