Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Mittheilungen der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 10 (1898)
- Issue
- 99 (1.1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 99. Mittheilungen der Oesterr.-fsrael. Union. 3 alle Zuckungen im Staatskörper vor sich gehen, ohne Klage hier, ohne Jubel dort. Durch die Beschäftigung mit dieser Frage hätte man zugleich den Zweck des Buches erforscht, der ihre Beantwortung ist, und das müsste man doch in allen Dingen zuerst thun. Ein grosser Philosoph sagt, die Menschen tadeln oft die Einrichtungen der Welt, und das kommt nur daher, dass sie den Zweck der Welt gar nicht kennen. Auch hier wären mit der Erkenntnis des Zweckes alle Schwierigkeiten verschwunden. Das Richterbuch hat die Aufgabe, uns zu zeigen, welche Folgen die freie Verfassung des Volkes unter der Verwaltung durch die Stammeshäuptlinge hatte. Es findet sich dort wiederholt der Satz: ,,Zu jener Zeit war kein König in Israel, jeder that was ihm gefiel.'' Dieser Satz muthet uns an, wie das blinkende Schwert, das vor dem Paradiese hängen soll. So angenehm uns auch einerseits das Wort Freiheit klingt, so ist sie doch andererseits ein zweischneidiges Schwert. Wenn nämlich jeder das thut, was ihm gefällt, so thut eigentlich keiner was ihm gefällt. So hat auch das Richterbuch die Sache aufgefasst, denn es knüpft daran wenig tröstliche Bilder. Als Josua zurücktrat, hoffte er, dass das Gesetz stark genug sein werde, das Volk zu. zügeln. Er dachte zu optimistisch. Gewiss wird jedes Stammeshaupt den besten Willen gehabt und auch seine Pflicht gethan haben. Die Kiuder sind aber nun einmal, wie schon Homer sagt, nicht so gut wie die Eltern. Die Stämme lösten sich los, Städte schwächten sich gegenseitig, öffneten den fremden Eroberern Thür und Thor. Als die Städte sahen, dass sie bei der Centrairegierung keinen Schutz fanden, suchten sie sich selbst durch Mauern zu schützen. Sie befestigten sich und schlössen sich nicht nur gegen die Feinde, sondern auch gegen die Freunde ab. Es entstand die Engherzigkeit des kleinen Bürgers, und eines der Bilder erinnert uns an Sodom. Den Einsichtsvollen musste nun der Gedanke vorschweben, dass es keine andere Rettung mehr gäbe als die Rückkehr in den alten Zustand, die Wiederherstellung der Einheit, und dass, wenn es gelingt, einen neuen Führer zufinden, das Volk gerettet sei. Sie hatten bereits die Erfahrung gemacht, dass die Vielherrschaft schädlich ist. An die Stelle dieser Vielherrschaft wollten sie nun die Einherrschaft setzen. Sie konnten aber keineswegs wünschen, dass das Volk seine Freiheit ganz verliere und sich einzig und allein der Machtvollkommenheit einer erblichen Monarchie unterwerfe. Von diesem Gedanken ausgehend, sagten sich die Einsichtigen, dass vorerst nichts anderes übrig bleibe, als an die Stelle der bisherigen Vielheit im aristokratischen Sinne die Einheit im selben Sinne zu setzen. Wenn sich nun dieses Experiment nicht bewähren sollte, so meinten sie weiter, dann würde das Volk sich sagen: der Geburtsadel ist nicht massgebend, entscheidend ist einzig und allein die persönliche Tüchtigkeit, und